Vielleicht ist es schon wieder zu vermenschlichend, einen Vogel als Kobold zu bezeichnen? Anthropomorphisierung ist ja sehr verpönt – und zwar zu Recht, wie ich finde. Aber ich würde einem möglichen Kritiker (oder einer Kritikerin) entgegnen, dass Kobolde meines Wissens ja auch gar keine Menschen sind. Also wäre das höchstens eine Koboldisierung, und die ist vielleicht sogar in Ordnung?
Ach, egal. Ich schweife ab, noch bevor ich überhaupt begonnen habe!

Es geht um die Bartmeise (Panurus biarmicus), einen kleinen Singvögel, der auch in Mitteleuropa vorkommt. Wer das oben gezeigte Foto betrachtet, mag sich vielleicht über den Namen dieses Vögelchen wundern. Wo ist denn da bitte ein Bart?
Hier die Auflösung:

Ganz einfach: Das ist mal wieder einer dieser Fälle, in denen die Wissenschaft (= i.d.R. weiße Männer mit Kitteln an Schreibtischen) einer Tierart einen Namen geben und dabei vom Aussehen der jeweiligen Männchen (Foto 3) ausgehen. Die Weibchen (Foto 1 und 2) sind vermutlich „mitgemeint“. Ist irgendjemanden ein Fall bekannt, wo es mal umgekehrt ist? Mir nicht.
Aber dieses „Politikum“ tut meiner Freude keinen Abbruch, die ich jedesmal empfinde, wenn ich Bartmeisen sehe. Und ich weiß zufällig, dass es nicht nur mir so geht. Bartmeisen sind nämlich allgemein sehr beliebte und gern gesehene Vögel, wenn auch ziemlich seltene. Sie leben ausschließlich in ausgedehnten Schilfröhrichten, wo sie sich je nach Jahreszeit entweder von kleinen Insekten oder von Sämereien ernähren. An ihren Lebensraum sind sie perfekt angepasst und turnen behende zwischen den vielen (oft sehr wackeligen) Halmen hin und her oder fliegen auch mal ein kurzes Stück. Eigentlich immer in Bewegung und von daher alles andere als leicht zu beobachten, geschweige denn zu fotografieren. Zum Glück sind sie ziemlich ruffreudig – ihre charakteristischen „ping-ping“-Rufe erleichtern die Ortung doch erheblich. Dass sie mal so frei sitzen wie der folgende Vogel (im wunderschönen Gebiet an der Arlauer Schleuse in Nordfriesland), das passiert doch reichlich selten.

Ich will die Sache ja nicht unnötig kompliziert machen, aber es muss der Korrektheit halber doch klargestellt werden: Bartmeisen sind gar keine Meisen. Damit ist gemeint, dass sie mit Kohlmeise, Blaumeise, Tannenmeise etc. nicht näher verwandt sind. Sie sehen halt nur so ähnlich aus.
Aus diesem Grund hat sich übrigens im englischen Sprachgebrauch in letzter Zeit der Name „bearded reedling“ anstelle von „bearded tit“ durchgesetzt. Falls mal eine deutsche Entsprechung hierfür gesucht werden sollte – ich fände „Bärtiger Schilfling“ ja einen ganz tollen Namen. Meine Stimme hätte der Vorschlag schon mal!

Aber wie komme ich denn nun eigentlich auf „Kobold“ als Kosebezeichnung für die Bartmeisen? Tja, wie soll ich das nur erklären. Sie sind halt klein und putzig und immer in Bewegung. Und sie treten nie alleine auf, sondern immer zu mehreren, und sie streifen unentwegt im Schwarm durch das Schilf. Es macht einfach so viel Spaß, ihnen zuzuschauen! Man kann sich einfach nicht sattsehen.


Meine letzte Begegnung mit Bartmeisen liegt gerade mal acht Tage zurück – an einem windigen (schlecht), sonnigen (gut) Nachmittag in einem Schutzgebiet im Südosten Englands. Bei Wind schaukeln die Schilfhalme so stark, dass die Vögel sich tendenziell etwas tiefer im Röhricht aufhalten. Aber die Nahrung ist überwiegend oben zu finden, weshalb sie ab und dann doch mal am Halm hochklettern und sich einen Snack holen. Dann heißt es: fix sein und (falls man fotografieren möchte) auf den Autofokus der Kamera vertrauen… Hier hat es mal geklappt.


Es waren nur zwei Vögel (je ein Weibchen und ein Männchen), und die Begegnung war nur kurz. Aber sie hat sehr viel Freude gemacht und wird lange in Erinnerung bleiben. Und manches drollige Detail habe ich erst am heimischen Computerbildschirm entdeckt…

Wenn alles nach Plan geht, werde ich in acht Wochen, also Mitte März, meine nächste Begegnung mit den Schilfkobolden genießen können. Dann bin ich nämlich am Federsee in Oberschwaben unterwegs, wo die Bartmeisen sozusagen zum Inventar gehören und im Normalfall mit großer Zuverlässigkeit beobachtet werden können. Ich freue mich schon drauf!
18. Januar 2026
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)
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