Es gibt Fisch!

Trüb ist es heute, hier an der normannischen Küste. Der Himmel ist grau, das Meer auch und es fällt leichter Nieselregen. Der Strand ist fast menschenleer, und viele Restaurants und Cafés haben ihre Saison bereits beendet. Ich schaue aufs Meer hinaus und genieße das Rauschen des Meeres und die Ruhe der Nachsaison. Mein Blick bleibt an einem roten Boot hängen, und ich beobachte, wie zwei Männer damit beschäftigt sind, dieses an Land zu holen.

Das ist hier, an der Alabasterküste der Normandie, nichts Ungewöhnliches. Aber da es ja sonst nicht viel zu gucken gibt, beobachte ich die beiden weiter. Während der eine das Boot sichert, läuft der andere mit einer gelben Kiste zurück ans Wasser und fängt an, Fische auszunehmen.

Das muß ich mir doch unbedingt genauer anschauen!

Leider bin ich der französischen Sprache nicht mächtig, und wie gerne würde ich ihn fragen, ob ich in fotografieren darf. Ich versuche es mit einem Lächeln, mache zögerlich ein erstes Foto und warte auf seine Reaktion – es kommt ein freundlicher Blick zurück und schon liegt seine Konzentration wieder voll auf der Arbeit.

Das mit der Ruhe ist nun auch vorbei, denn die Möwen haben „den Braten gerochen“ und stürzen sich mit Geschrei auf die ins Meer zurück geworfenen Innereien.

Aber nicht nur die Möwen werden vom fangfrischen Fisch angelockt, und so wechselt, schon gleich nach dem Säubern, der erste Fisch seinen Besitzer.

Für mich wird es nun Zeit, die Kamera einzupacken und die Leute in Ruhe zu lassen, denn ich möchte die Geduld und Freundlichkeit der Einheimischen nicht überstrapazieren. Zumal es nun Mittagszeit ist und mir der Magen knurrt. Gibt es Fisch? Bestimmt!

23. September 2022, Saint-Pierre-en-Port, Normandie, Frankreich

Was machen die da?

Die Szene: Eine Handvoll Männer steht herum auf einer Art Plattform, über ihnen der abendlich-blaue Himmel. Sie sind mehr oder weniger jung, mehr oder weniger sportlich, ja teilweise athletisch. Alle tragen Hemd und Jeans in einer Mischung aus coolem, ländlichem Chic und Arbeitskleidung.

Das Rätsel: Wer sind sie und was tun sie da? Tun sie überhaupt irgendetwas? Warten sie auf etwas Bestimmtes?

Sind es vielleicht Bauarbeiter? Eher nicht, denn sie tragen keinerlei Schutzkleidung. (Und dass ich mich mit dieser Thematik seit Village People bestens auskenne, habe ich hier im Detail dargelegt.) Was immer sie dort oben tun, geschieht jedenfalls eindeutig mit großer Konzentration und Ernsthaftigkeit, und es mutet irgendwie zeitlos an.

Also?

Hm, ich fürchte, so kommen wir nicht weiter. Treten wir also einen Schritt zurück und nehmen eine etwas weitere Perspektive ein.

Das Puzzle: Aha, die stehen auf dem Dach eines LKWs. Der parkt rückwärts zu einer Ansammlung von Menschen hin, und dann sind da noch diverse Absperrungen. Und eine Reihe stattlicher Palmen. Aber bei der Lösung unseres Rätsels hilft das alles nur bedingt weiter.

Es muss noch ein weiteres Bild her.

Das Puzzle setzt sich weiter Stück für Stück zusammen. Hier haben wir es also mit einer Art Volksfest zu tun. Darin scheinen Pferde eine gewisse Rolle zu spielen, und auf ihren Rücken Leute in schicken Hemden – etwa die gleichen wie bei den Kollegen auf dem LKW-Dach? Und diese massiven Absperrungen, sind die etwa zum Schutz vor den Gäulen? Wohl kaum.

Die Auflösung: Wir befinden uns im Örtchen Le Grau-du-Roi an der französischen Mittelmeerküste. Ein zentraler Akteur ist nicht auf den Bildern zu sehen, und zwar der Stier (taureau) bzw. die Stiere. Diese stehen im Zentrum der zehntägigen fête du Grau im September. Im Hinterland der Küste gibt es verschiedene Viehzucht-Betriebe (manade), die unter anderem die Camargue-typischen schwarzen Stiere halten. Die Beziehungen zur lokalen Kultur und den Traditionen sind vielfältig, und das spiegelt sich auch im Programm des örtlichen Festivals wider. Stiere werden in Transportern aus dem Umland in den Ort gebracht und dort entweder durch die Straßen und Gassen zur Arena hin getrieben (abrivado) oder aber, wie auf den oben gezeigten Bildern zu sehen), von der Arena wieder zurück auf die Weiden (bandido). Wobei es in der heutigen Praxis für die Stiere eigentlich heißt: raus aus dem engen, dunklen Transporter, in Panik durch die engen Straßen voller Menschen (meist hinter den Absperrgittern), rein in den nächsten Transporter, ständig angetrieben von den Jungs (und Mädels) hoch zu Pferde mit ihren langen, spitzen Stangen. (Das gesamte Festprogramm und einige Hintergrundinfos mitsamt Fotos sind hier zu finden.)

Die Reflexion: Ich sage es ganz offen, ich bin ziemlich zwiegespalten über diese ganze Angelegenheit – „tradition taurine“ hin oder her. Natürlich beeindrucken auch mich die archaisch anmutende Atmosphäre, die schnaubend-nervösen Pferde, die athletischen Reiterinnen und Reiter und dann der gedrungen-muskulöse Stier.

Und zugleich denke ich: Was soll das, was machen die da? Pferchen die Stiere in einen LKW ein, jagen sie einen nach dem anderen mit Stangen hinaus ins Freie (das machen die Jungs auf dem Dach), wo diese dann panisch losrennen etc. (s. oben). Und für wen das alles? Für die lokale Bevölkerung und die Bewahrung ihrer kulturellen Traditionen? (Als ob dieses Argument irgendetwas rechtfertigen würde.) Für mich als Touristen, damit ich in den Ort komme und meine paar Euros dort ausgebe? Oder gar für Blogautoren, damit sie den Namen Grau-du-Roi in die Welt hinaustragen?

Ich habe keine klare Haltung dazu, aber doch eine Tendenz. Und Ihr? Eine Protestaktion von Tierschützern habe ich übrigens nicht gesehen.

15. September 2022, Sebastian Schröder-Esch (www.schroeder-esch.de)

PS: Nicht alles in Le Grau-du-Roi dreht sich übrigens um den Stier. Manches auch um den Wind und das Meer, so wie bei Sylvain und den anderen.

Zu Besuch im Nordschwarzwald

Ende Juni durfte ich meinen lieben Fotokollegen @horstmaier in seinem „fotografischen Territorium“ ;-), dem Nordschwarzwald, besuchen. Horst hatte mich nach knapp 1 ½ Stunden Autofahrt am späten Samstagvormittag bei sich zuhause sehr herzlich empfangen. Nach einer kleinen Hausführung und einer guten Tasse Kaffee ging es zunächst für einen kleinen Spaziergang mit seiner Hündin in das benachbarte Waldstück.

Horst hatte sich bereits im Vorfeld Gedanken gemacht, welche Highlights er mir in seiner Heimat gerne zeigen möchte. So sind wir nach dem Waldspaziergang in das Landschaftsnaturschutzgebiet Heimbachaue gefahren. Ein wunderschönes Gebiet und ich kann verstehen, lieber Horst, dass dies mit unter einer Deiner Lieblingsorte ist und Du oft zum Fotografieren dort bist. In der Heimbachaue sind Blässhühner, verschiedene Libellenarten, seltene sowie gefährdete Tier- und Pflanzenarten zu sehen. Immer wieder sind wir stehen geblieben und beobachteten alle Tiere und Pflanzen um uns herum. Das Fischerhäusle im Naturschutzgebiet wirkt besonders idyllisch. Dort wird im Inneren des Hauses die Geschichte der Heimbachaue dokumentiert. Horst hatte mir während der Tour erzählt, dass er im Fischerhäusle schon einmal selbst seine Fotos ausstellen durfte.

Im Anschluss der Tour und zur Stärkung für unseren nächsten Programmpunkt am Abend ging es für uns, zusammen mit Horst seiner Frau, in das Gasthaus Waldgericht in Dornstetten. Wir haben dort gemütlich auf der Terrasse gesessen, uns dabei währenddessen viel zu erzählen gehabt und sehr gut gegessen.

Nach dem Essen ging es für uns zwei dann weiter Richtung Schwarzwaldhochstraße. Genauer gesagt zunächst zur Aussichtsplattform Schliffkopf. Der Himmel war zwar leider stellenweise mit Wolken verhangen, aber die Sonne konnte sich dennoch ab und zu durchringen und zauberte uns eine schöne Sonnenuntergangsstimmung mit Blick auf den wunderschönen Schwarzwald und in die Rheinebene. Von der Aussichtsplattform ging es kurze Zeit später weiter aufwärts zum Gipfel des Schliffkopfs. Ganz alleine waren wir dort jedoch nicht. Unterhalb des Gipfels, auf der angrenzenden Kuhweide, durften wir eine Zeit lang ein dutzend Kühe beim Grasen beobachten. Auf dem Rückweg zum Auto nahmen auch die Kühe plötzlich ihr Tempo auf und wir konnten kurz darauf den Bauern beobachten, wie er Futter für die Tiere vorbeigebracht hatte. Die Freude bei den Kühen war dementsprechend groß 🙂 Der erste erlebnisreiche Tag ging damit recht schnell zu Ende.

Für Sonntag hatte sich Horst ebenfalls eine schöne Unternehmung ausgedacht. Der Wecker klingelte bereits um 06.00 Uhr. Nach gut einer Stunde Fahrtzeit konnten wir das Ziel erreichen: Die Gertelbach-Wasserfälle im Bühlertal. Um die Wasserfälle in aller Ruhe fotografieren zu können und dabei möglichst wenig Wanderern zu begegnen, ist das frühe Aufstehen unbedingt notwendig und lohnt sich allemal. Für uns ging es über zahlreiche Brücken, Stege und vorbei an imposanten Felsformationen, dann stets bergauf zu den wilden Wasserfällen. In der frühen Morgenstunde war es dort noch recht kalt, aber in der Sommerhitze am Nachmittag bieten die Wasserfälle bestimmt eine willkommene Erfrischung.

Das intensive Grün entlang der Pfade und auch die Wasserfälle sind wirklich sehr beeindruckend. Wie ihr Euch bestimmt vorstellen könnt, waren wir sehr mit unseren Kameras beschäftigt und hatten daher nicht groß auf die Uhrzeit geachtet. Auch hier, lieber Horst, kann ich nun Deine Faszination für diesen Ort sehr gut nachempfinden.

Die Sonne wollte sich an diesem Tag leider nicht mehr blicken lassen. Da es nach einiger Zeit doch etwas frisch wurde, hatten wir uns für den Heimweg entschieden. Den Ausklang von unserem gemeinsamen Wochenende fanden wir dann bei Horst im Garten.

Gegen späten Nachmittag ging es für mich – mit unvergesslichen Eindrücken im Gepäck – dann wieder zurück Richtung Heimat. Danke lieber Horst, dass Du Dir die Zeit genommen und mir zwei Tage lang den Nordschwarzwald mit Deinen Lieblingsorten gezeigt hast. Es war eine tolle Zeit! Das Markgräflerland wartet bereits auf Dich 🙂

sogesehen – Monatsfoto September

Ein Maimorgen am Stadtrand von Haapsalu im Nordwesten von Estland. Obwohl es noch früh am Tag ist, steht die Sonne bereits über dem Horizont. Die Ohrentaucher, für die ich eigentlich hergekommen bin, lassen sich nirgends blicken. Also fahre ich mit dem Mietwagen im Schritttempo weiter auf dem Asphaltsträßchen am Rande des Gewerbegebiets auf der Suche nach anderen Motiven. Es ist Sonntag, und ich bin als einziger zu dieser frühen Stunde unterwegs. Soll mir recht sein!

Gerade rolle ich aus der Sonne in den Halbschatten eines Gebäudes am Straßenrand, als ich im milden Gegenlicht mitten auf dem Asphalt einen kleinen Vogel erblicke. Nach einem kurzen Moment erkenne ich: ein Flussregenpfeifer, wie schön! Und noch dazu sehr nah. Also jetzt ganz sachte das Auto in einem günstigen Winkel angehalten, die Fensterscheibe heruntergelassen, die Kamera in Anschlag gebracht und schließlich ausgelöst. Einige Bilder sind bereits im Kasten, als ich kurz absetze und etwas umherschaue. Und siehe da: Ein Stück weiter sitzt ja noch einer! Ein Paar?

Ich habe kaum nachdenken können, wie sich wohl beide Vögel in eine Komposition einbauen lassen, da geht es auch schon los: Die beiden stürzen sich aufeinander und attackieren sich unglaublich schnell und aggressiv. Sie flattern, rennen, treten und hacken, als gehe es ums nackte Überleben. Die Straße wird plötzlich zur Kampfarena! Ich habe meine liebe Not, die Streithähne im Bildausschnitt zu halten und wage kaum zu atmen. Was für eine Szene! Schon nach wenigen Minuten ist das Spektakel vorbei und die Rivalen gehen ihrer Wege.

(Dieses Foto mitsamt Text wurde im diesjährigen August-Heft der Zeitschrift NaturFoto unter dem Titel „Duell auf der Straße“ in der Rubrik „Augenblick“ abgedruckt.)

1. September 2022
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)

Sommernebel

Sommer 2022: Wochenlang nur Sonnenschein, immer ein wolkenloser, blauer Himmel und Temperaturen von meist über 30°C. Bilderbuchsommer oder schönes Wetter sind normalerweise die typischen Begriffe für so ein Dauerhoch, und Meteorologe*in zu sein war in letzter Zeit wahrscheinlich ein eher langweiliger Job (ganz im Gegensatz zu dem der Landwirt*in).

Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht, aber meine Interpretation von „schönem“ Wetter scheint sich gerade komplett zu wandeln. Wie von Horst im Beitrag zum Monatsfoto August eindrücklich beschrieben, sind die Auswirkungen beängstigend, und diese Hitze und die Trockenheit macht allen Lebewesen schwer zu schaffen. Man sehnt sich förmlich nach dem Duft von Sommerregen und dem Prasseln der Regentropfen, aber auch aus fotografischer Sicht wünscht man sich mal wieder ein etwas spannenderes Wetter. Es sei denn, man bekommt netten Besuch und will einen Ausflug unternehmen….

„Ich möchte die Berge sehen!“
Anfang August kündigte sich Besuch aus dem fernen (und flachen) Estland an. Kerli, die uns während der Estlandreise im Frühjahr an wunderbare Orte führte (s. meinen Bericht dazu), kam nun zu einem Gegenbesuch in den Schwarzwald und hatte ziemlich genaue Vorstellungen davon, was sie gerne sehen würde: Berge!

Nun hat der Schwarzwald natürlich den Feldberg, den Belchen und noch weitere Tausender, aber die imposanteren Berge findet man doch eher in den Alpen. Und so starteten Kerli, Sebastian, ich und Daniel (er war ebenfalls in Estland dabei) zu einem Kurzausflug in die Schweiz, genauer gesagt auf das Niederhorn, von dem aus sich die Berner Alpenkette gut überblicken lässt. Normalerweise….

Schon während der Anfahrt mit der Gondel ahnten wir, dass das mit der Aussicht eher schwierig werden könnte. Eine dicke Nebelsuppe empfing uns, und wir sahen nichts, absolut nichts! Keine Berge, keinen Thunersee, nicht einmal die nächste Weggabelung.

Kerli auf der Suche nach den Alpen

Das war aber kein Nebel, wie man ihn normalerweise vom Herbst her kennt. Die Luft war sehr feucht, es war nicht wirklich kalt und die Sonne schien durch den Nebel hindurch. Ich hatte das Gefühl, die Wassertropfen auf der Haut wirkten wie Brenngläser, und das Licht in der Nebelwand war oft gleißend hell. Ein merkwürdiges, für einen Augusttag eher ungewöhnliches Wetter.

Aber um ehrlich zu sein, gefiel mir dieses Wetter aus fotografischer Sicht tausend Mal besser als strahlend blauer Himmel. Aber der Grund unseres Ausfluges waren ja eigentlich die Berge, und die bekamen wir an diesem Tag leider nicht mehr zu sehen – aber wir hatten trotzdem unseren Spaß!

Kerli, Daniel, Sebastian

Glücklicherweise hatten wir eine Übernachtung auf dem Niederhorn gebucht, und so hüpften wir früh morgens um 4:30 Uhr aus den Federn, und was soll ich sagen? Der Wettergott muss wohl ein Este sein (oder ein großes Herz für Landschaftsfotograf*innen besitzen 😉 ) Auf uns warteten ein Sonnenaufgang im Nebel, über die Landschaft wabernde Nebelschwaden und Berge!

Nicht nur wir genossen die Aussicht

Aber natürlich beschränkte sich unser Ausflug nicht nur auf die Suche nach den Bergen. Es gab durchaus noch weitere besondere, meist tierische Erlebnisse, für die sich die Mühe durchaus gelohnt hat, wie ein geschmückter Weihnachtsbaum behangen durchs Gebirge zu laufen 😉 Fortsetzung folgt!

sogesehen – Monatsfoto August

Um diese Zeit streife ich abends gerne durch die Wiesen, ich habe Urlaub und es ist August. Die Kamera ist natürlich dabei, um vielleicht das eine oder andere Insekt abzulichten. Die abgeernteten Getreidefelder und die daraufliegenden Strohballen verströmen ihren typischen Duft nach Hochsommer. Traumhaft, oder?

Mitnichten. Denn dieses Jahr hat das Wort traumhaft einen Beigeschmack, wie ich finde. Auf meinen Streifzügen durch die Natur sehe ich immer mehr tote und vertrocknete Bäume. Die Pflanzen auf den Wiesen und im Wald dürsten nach Wasser. Alles hat die Farbe von reifem Korn, wo doch saftiges Grün vorherrschen sollte. Die Bäche führen bedenklich wenig Wasser, und stehende Gewässer sind zum Teil kurz vor dem Umkippen. Ich könnte die Liste noch um einige Punkte erweitern.

Vielleicht fragt ihr euch jetzt, warum ich das schreibe, da doch jeder der Augen hat, selber sieht was in der Natur los ist.

Ich schreibe es deshalb, weil es mir tatsächlich Sorgen macht. Weil ich mir Gedanken über die Zukunft mache. Was wird passieren in 5, 10 oder 20 Jahren? Wieviel wird sich verändern? Was wird sich verändern? Ich weiß es nicht, und das bereitet mir Kopfzerbrechen.

Dennoch werde ich die Hoffnung auf Besserung nicht aufgeben. Ein klein wenig Träumen geht immer.

Mit nachdenklichen Grüßen

Euer Horst

Feuerwasser

Vielleicht gehörst Du (wie ich) auch zu der Art von Leser*in, die in Blogbeiträgen und Zeitschriften zuerst alle Bilder anschauen, bevor mit dem Lesen des Textes begonnen wird. Wenn Du das auch so handhabst, dann sind dir meine hier gezeigten Fotos ja bereits bekannt und Du hast dir vielleicht auch schon eine Meinung dazu gebildet.
Ohne über hellseherische Fähigkeiten zu verfügen, bin ich mir fast sicher, ein paar deiner Gedanken dazu zu kennen, z.B. „Krass! Da hat Steffi aber mächtig in den digitalen Farbtopf gegriffen!“ oder vielleicht eher „Schöner Sonnenuntergang, aber das hätte ich mit dem Handy auch hinbekommen!“. Zum ersten Punkt kann ich nur sagen: Nix da! Ja, alle Fotos sind bearbeitet (wie alle meine Bilder), aber nicht mehr als üblich. Das Licht und die Farben an diesem Abend waren phänomenal und pure Realität! (und zum zweiten Gedanken komme ich später noch).

Der Ort dieses Lichtspektakels war am Rhein, genauer gesagt dort, wo die Wehra in den Rhein mündet, in der Nähe der südbadischen Stadt Wehr. Die Wehramündung ist ein Naturschutzgebiet, das ich gerne besuche, wenn ich Vögel beobachten und fotografieren will. Zusätzlich kann man dort wunderbar am Rhein entlang spazieren und auch baden, was an einem lauen Sommerabend schon fast etwas Urlaubsfeeling aufkommen lässt.

Das Thema Vogelfotografie war an diesem Abend schnell erledigt, da sich im Wasser nur ein paar Schwäne, Gänsesäger und Stockenten tummelten. Außerdem verdunkelten ein paar dicke Wolken den Himmel und das Licht wurde, trotz noch früher Abendstunde, rapide schlechter, aber dafür immer goldener.

Ob es dem Gänsesäger wohl auch so gut gefallen hat?

Ich war natürlich überhaupt nicht auf Landschaftsfotografie bei Dunkelheit eingestellt, sondern hatte nur mein großes Teleobjektiv dabei und Dinge wie z.B. Stativ, Weitwinkel, Filter, d.h. alles was man hier hätte gut brauchen können, lag gemütlich zu Hause herum! Aber ich hatte gar keine Zeit mich zu ärgern, denn das Licht änderte sich innerhalb kürzester Zeit immer wieder. Plötzlich war das Gelb-Goldene verschwunden, und es wurde wieder heller und auch bunter. Erst Rosa-Blau, dann fast Lila.

Und der Gänsesäger schwimmt immer noch unbeeindruckt seine Runden…

Nach etwa einer halben Stunde wurde es zunehmend dunkler, und der Zauber war vorbei.

Dieser schöne Sonnenuntergang ist natürlich auch anderen Spaziergängern nicht verborgen geblieben und man kam ins Plaudern. Oftmals wurde nicht nur das tolle Licht, sondern auch mein (nicht gerade kleines) Objektiv bestaunt, und so ergab sich das ein oder andere nette Gespräch über Fotografie und ob so eine Kamera überhaupt noch zeitgemäß ist, da doch ein Handy genau so tolle Bilder machen würde. Diese Argumentation höre ich in letzter Zeit häufiger, was natürlich auch mit der immer besser werdenden Qualität der Handykameras zu tun hat. Auch ich lasse manchmal die dicke Kamera zu Hause, wohl wissend, dass ich ja noch das Handy dabei habe, um ggf. ein schönes Motiv fotografieren zu können.

Ich könnte jetzt seitenweise über das Thema philosophieren und Pro und Kontra auflisten, aber Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte.

iPhone 13 Pro

Also ich hätte mich geärgert, wenn ich meine Kamera zu Hause gelassen und mich nur auf mein Handy beschränkt hätte! Da ich nicht das klassische Fotoequipment für die Landschaftsfotografie dabei hatte, musste ich improvisieren und interessante Ausschnitte finden, was die Ergebnisse meiner Meinung nach vielleicht sogar eine Spur interessanter machte, als die klassische Postkarten-Weitwinkelaufnahme.

Falls Du Interesse hast dein Wissen über Landschaftsfotografie zu vertiefen und auch mit Gleichgesinnten Neues auszuprobieren, mache ich jetzt kurz Werbung in eigener Sache: Im November biete ich gemeinsam mit Blogkollege Sebastian Schröder-Esch einen zweitägigen Workshop zum Thema Landschaftsfotografie an. „Fokus und Komposition“ und „Variation und Kreativität“ sind die Überschriften dieser zwei Tage, in denen wir uns ausgiebig mit der spätherbstlichen Landschaft des Oberen Wiesentals, den vielfältigen Motiven und den unterschiedlichen fotografischen Ansätzen beschäftigen werden.

Mehr Informationen findet ihr hier: Workshop „Landschaftsfotografie“ 19./20.11.2022

sogesehen – Monatsfoto Juli

Was zeigt dieses Bild? Eine Landschaft mit Schnee und Eis, karg und unwirtlich, davor eine große Wasserfläche. Menschliche Spuren sind nicht zu sehen, also vielleicht eine unberührte Wildnis? Winter?

Weit gefehlt: Die Aufnahme ist auf Spitzbergen (Svalbard) entstanden, dem zwischen Europa und dem Nordpol gelegenen Archipel. Es ist Mitte Juni, also Frühsommer, doch hier in der Arktis sollte jetzt „eigentlich“ noch deutlich mehr Schnee liegen. Das Wasser im Vordergrund ist der große Isfjord im Westen Spitzbergens, der aber schon seit Jahren nicht mehr zufriert und seinen Namen somit inzwischen eigentlich zu Unrecht trägt.

Die menschlichen Spuren und die Auswirkungen unseres Tuns sind hier eben doch allgegenwärtig und tiefgreifend. An keinem anderen Ort auf der Welt ist in jüngster Vergangenheit die Temperatur im Durchschnitt der einzelnen Jahre derart angestiegen wie auf Svalbard, und zwar mit bald schon zweistelligem Zuwachs. Auch das Wasser erwärmt sich, das Eis schmilzt bzw. entsteht gar nicht erst, was wiederum zu einem sich selbst verstärkenden Effekt der weiteren Erwärmung führt. Es gibt wesentlich mehr Niederschläge als früher, inzwischen oftmals als Regen. Der Permafrostboden taut auf (und gibt klimaschädliches Methan frei!), Berghänge geraten ins Rutschen. Die Inselhauptstadt Longyearbyen wurde seit 2015 mehrfach von Lawinen aus Schnee oder Schlamm heimgesucht, in denen Wohnhäuser zerstört wurden und Menschen ihr Leben verloren haben. Im ebenfalls immer wärmer werdenden Meerwasser ändert sich das Gefüge des Nahrungsnetzes, wobei die langfristigen Folgen noch gar nicht bekannt sind.

Gleichzeitig nimmt der Arktis-Tourismus auf Spitzbergen immer mehr zu (von dem auch ich mit meiner kürzlich unternommenen Reise Teil war, klar). Besucher:innen aus aller Welt kommen in von Jahr zu Jahr steigender Anzahl hierher. Das Motto, wenn auch eher implizit, scheint zu sein: „Last chance to see“. Das gilt natürlich allen voran für die emblematischen Eisbären, aber auch allgemein für schneebedeckte Berge und direkt ins Meer kalbende Gletscher. Der CO2-Ausstoß durch diese Reisen ist beträchtlich, zumal im Grunde auch alles an Konsumgütern und an Infrastruktur per Schiff oder Flugzeug nach Spitzbergen importiert wird.

Wie das wohl alles zusammenhängt und zusammenpasst (oder auch nicht)?

1. Juli 2022
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)


PS: Wer sich für die hier nur angerissene Thematik interessiert und viele konkrete Belege erfahren möchte, dem sei das Buch „Meine Welt schmilzt“ einer norwegischen Journalistin ans Herz gelegt. Es ist allerdings keine besonders heitere Lektüre.

Fliegende Schönheiten

Was war das nur für ein herrlicher Samstag am vergangenen Wochenende? Das Thermometer zeigte bereits frühmorgens sommerliche 25 Grad an, der Himmel war wunderschön blau, und die Sonne strahlte mit voller Kraft.

Mein Tag begann bei einer wunderschönen Yogastunde im Freien mit einer sehr engen Freundin. Nach diesem achtsamen Start in den Tag und dem traumhaft schönen Wetter zog es mich wieder raus. Das Schöne dabei war, dass bei mir für diesen Tag absolut nichts mehr auf dem Programm stand. So zog es mich also am Nachmittag zum Verweilen auf das Gelände der Landesgartenschau in Neuenburg am Rhein. Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, wie erholsam es war, am Rheinufer zu sitzen, die Sonne auf der Haut zu spüren und dabei die vorbeiziehenden Kormorane, Graureiher und Schwäne am Rhein zu beobachten.

Nach gut einer Stunde des Verweilens konnte ich einen Graureiher beobachten, der sich am Schilf entlang schleichend auf die Suche nach Fröschen machte. Völlig unbeeindruckt von all den Leuten am Ufer pirschte er sich ganz langsam an seine vermeintliche Beute heran. Leider blieb der Beutezug jedoch ohne Erfolg, und nach einiger Zeit flog er krächzend wieder in weite Ferne. Ich wollte danach auch schon wieder weiterziehen, da schimmerte es bläulich aus dem Schilf heraus.

Ich musste natürlich sofort innehalten und die fliegende Schönheit beobachten: die Gebänderte Prachtlibelle. Diese wunderschöne Libelle mit ihren kräftig blau schimmernden Flügeln war stark damit beschäftigt, von Rastplatz zu Rastplatz zu fliegen, und ich war dabei von ihren feenartigen Flugkünsten völlig begeistert.

Ich saß bereits über eine halbe Stunde am Ufer, als eine weitere Libelle (leider die Art bisher nicht ausfindig machen können) in das Gebiet einflog und mit der gebänderten Prachtlibelle einen auffälligen Schwirrflug begann. Jetzt konnte ich erst recht noch nicht den Heimweg antreten und beobachtete das weitere Geschehen mit meinem Teleobjektiv in rücksichtsvoller Entfernung. Das Männchen hatte sich auf die Flügel des Weibchens gesetzt und sich mit seinen Hinterleibsanhängen in Libellenmanier angekoppelt. Das dabei entstehende „Paarungsrad“ sieht mit etwas Fantasie aus wie ein Herz, welches in dem Moment als Symbol der Paarung nicht passender sein könnte 🙂 Dies aus der Entfernung zu fotografieren, war nicht ganz leicht, und die Aufnahmen sind qualitativ bestimmt nicht zu 100 % gut gelungen, aber die Erinnerung an diesen schönen Moment bleibt mir so stets vorhanden.

Über eine Stunde lang hatte ich die Gebänderte Prachtlibelle inkl. Paarung dann beobachten dürfen. Voller Freude über das schöne Erlebnis und die tollen Aufnahmen zog es mich dann allmählich wieder Richtung Ausgang.

Kaltland

Estland, Mai 2022 – eine besondere Reise in schwierigen Zeiten.

Als mich Blogkollege Sebastian im Januar 2021 fragte, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm und ein paar weiteren Naturinteressierten nach Estland zu reisen, war mir schnell klar, dass diese Reise auf unsicheren Beinen stand. Dass wir, über ein Jahr später, nicht mit Corona, sondern mit einem Krieg in Europa konfrontiert werden würden, hätten wir uns in unseren übelsten Träumen niemals vorgestellt. Je näher die Reise rückte, desto bedrohlicher wurde die Lage in der Ukraine, und immer mehr schwand meine Vorfreude auf diese Reise. Wie gelähmt beobachteten wir das Geschehen, und so stand auch die Frage im Raum, ob wir die Reise absagen sollten oder nicht.

Auch ich hatte Zweifel. Es waren aber weniger die Bedenken um meine eigene Sicherheit, denn Estland ist Mitglied der NATO, jedoch fühlte es sich nicht richtig an, zum jetzigen Zeitpunkt eine „vergnügte“ Urlaubsreise in den östlichen Teil Europas anzutreten. Also warteten wir ab, tauschten Argumente aus, und am Schluss entschied sich ein Teil der eigentlichen Gruppe, die Reise doch anzutreten.

Foto: Steffen Biber

Eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus verschiedenen Ländern, aber alle mit einer gemeinsamen Leidenschaft: der Liebe zur Natur und zur Tierwelt (wobei der Schwerpunkt ganz klar auf den gefiederten Freunden lag).

Passend dazu war unsere Unterkunft auch kein hippes Stadthotel, sondern ein Holzhaus mitten im Wald, etwa 6 km zur nächsten Stadt Haapsalu.

Anfänglich war ich sehr gespannt, wie sich diese neun Tage entwickeln würden. Mit acht Personen (von denen ich bisher nur zwei persönlich kannte) zusammen in einem 120m2 Haus, als Selbstversorger und nur einer! Dusche, das hatte Potential für diverse Spannungen. Gleich vorneweg, meine Sorgen waren absolut unbegründet!

Da waren wir also, im Nordwesten Estlands, im Land der Moore und Birkenwälder.

Manche Fotos könnte man durchaus in eine Savanne verorten, jedoch waren die Temperaturen eher nordisch frisch. Während zu Hause das Thermometer zum ersten Mal im Jahr knappe 30°C anzeigte, waren wir froh, unsere Winterklamotten eingepackt zu haben.

Aber die Landschaft war eigentlich nicht der Hauptgrund unserer Reise, sondern die Tier- und hier im Besonderen die Vogelwelt. Und wir wurden nicht enttäuscht!

Unglaublich, was für eine Vielfalt und Vielzahl an Vögeln wir vor das Fernglas und die Linse bekommen haben! Wobei mir mancher „Vogel“ am Himmel dann doch ein mulmiges Gefühl verursachte.

Ich war überaus dankbar, dass (außer mir) fast alle meine Reisebegleiter_innen über ein enormes ornithologisches Wissen verfügten. Die verschiedensten Vogelarten in den richtigen Sprachen zu verstehen, das war für mich nicht immer einfach. In Deutsch, Französisch, Polnisch, Italienisch, einem kleinen Hauch Schwyzerdütsch und Englisch, das nenne ich gelebtes Europa!

Aber wie es in einem fremden Land so ist, man kann noch so viele Reiseführer lesen und das Netz auf Tipps durchsuchen, man ist sich nie sicher, zur richtigen Zeit dann auch am richtigen Ort zu sein. Also hatte Sebastian die geniale Idee, uns ornithologische Unterstützung aus der Region zu buchen. Gesagt getan, und wir trafen unseren Guide früh morgens auf einem Parkplatz im Nirgendwo.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber vor meinem geistigen Auge hatte ich eher mit einem gesetzteren Herrn mit Bart und Hut gerechnet….

Kerli

Ich glaube, es dauerte keine zehn Minuten und Kerli hatte uns alle in ihren Bann gezogen. Mich faszinierte ihre Begeisterung für Vögel, egal ob es um das scheue Haselhuhn oder ein gewöhnliches Rotkehlchen ging, ihre Begeisterung steckte an und ihre Fachkompetenz beeindruckte nicht nur mich. (Und fließend Deutsch sprechen konnte sie auch noch!). Sie führte uns frühmorgens zu den balzenden Birkhähnen, wir suchten zusammen das Haselhuhn und lauschten am Abend nach den Eulen. Und so wurden aus einen Tag plötzlich drei und diese hatten es in sich. Sehr wenig Schlaf, viel auf den Beinen und jede Menge Spaß. Danke, Kerli, für die wunderbare Zeit!

Aber wenn ich so zurück blicke, dann sind es wahrscheinlich weniger die schönen Fotos und die Vogelsichtungen, die mir am meisten in Erinnerung bleiben werden, sondern die Menschen, mit denen ich diese wunderbaren Tage verbringen durfte.

Hi Vinciane, Hania, Kerli, Steffen, Martin, Daniel, Davide and Sebastian,
thanks to all of you for a fabulous time in Estonia! I really enjoyed every single bit of it. Thanks for the wonderful evenings, sometimes with too much Vana Tallinn 😉 Thanks for the inspiring conversation and the delicious food. Thanks for your patience with the bird- beginners, and thanks to Sebastian for the organization and much more!

Foto: Sebastian Schröder-Esch