Kultur / Landschaft

Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich phasenweise viel Zeit draußen verbringe. Ich laufe oder fahre durch Wiesen, Wälder, Dörfer und manchmal auch Städte oder Gewerbegebiete, immer auf der Suche nach bestimmten Tieren, die ich nachweisen und dokumentieren soll. Nicht immer gibt es viel zu tun, wenn ich so im Lande umherstreife, und so schaue ich mir bisweilen auch einfach so die Landschaft an und komme ins Sinnieren.

Im Moment bin viel in der Feldflur meines schönen Bundeslandes namens Baden-Württemberg unterwegs. Alles sehr schön aufgeräumt da!

Vorurteile kommen unweigerlich hoch über die „ausgeräumte Landschaft“, über Naturferne, über das schädliche Wirken des Menschen, der mal wieder den Bogen überspannt und einfach alles kaputt macht. Doch so einfach ist es nicht.

Die meisten Menschen benutzen im Alltag Begriffe wie „Natur“, „Kultur“, „Umwelt“, „Landschaft“ etc. häufig und ohne größeres Nachdenken. Warum auch, schließlich sind diese Wörter ja vermeintlich eindeutig und selbsterklärend. Dann kommen dazu in der Regel noch Bewertungen ins Spiel, so etwa in dem Sinne: Die Natur ist gut, der Mensch ist böse. Oder Gegensatzpaare werden aufgemacht, wie z.B. die Opposition Natur / Kultur. Auch die Fotografie bevorzugt in ihrem Mainstream eindeutig Ansichten der „Natur“, die irgendwie ursprünglich, rein, erhaben und schön sein sollen, und die die Anwesenheit und das Wirken des Menschen oftmals ganz kunstvoll ausblenden.

Ganz klar: Zu dieser Thematik gibt es ganze Bibliotheken voller Fachbücher und Abhandlungen. Dazu einen neuen, originellen Beitrag zu leisten, maße ich mir gar nicht an. Aber wie gesagt: wenn ich so durch die (vermeintlich) leere Feldflur laufe, entwickeln sich bestimmte Gedanken ganz von alleine. Und den einer oder anderen davon möchte ich an dieser Stelle mit den geneigten Blog-Leser/innen teilen.

Mal ganz grundsätzlich: Wenn die Menschen in Europa nicht vor ein paar (wenigen) Jahrtausenden damit begonnen hätten, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, wäre heute der allergrößte Teil der Landschaft hierzulande reiner Wald. Das allermeiste von dem, was wir heute als „Offenland“ sehen, kennen, erleben und schätzen, ist menschengemacht – also Kulturlandschaft. Das schließt alle Wiesen ein, alle Weiden und natürlich erst recht Ackerland. Von dieser gewaltigen Umgestaltung der Landschaft haben in der Vergangenheit viele Tier- und Pflanzenarten enorm profitiert. Das gilt insbesondere für diejenigen unter ihnen, die sich in den von Natur aus waldfreien Lebensräumen wohlfühlen, z.B. Steppenlandschaften des Osten und Südens. Und auch ich mag sie, diese offene Landschaft!

Und damit komme ich zu meinem „special guest“ dieses Artikels, zur Feldlerche. Die ist allgemein bekannt, oder? Für mich der Inbegriff eines Frühlingstages in einer Ackerlandschaft. Wer mal ein paar Kostproben ihres wunderbaren Gesangs anhören will, kann dies hier tun. Gerade gestern und heute habe ich sie gezielt suchen dürfen (zum Glück mit Erfolg!), und in meinen Ohren klingt ihr außerordentliches Trillern und Pfeifen noch jetzt auf das Schönste nach.

In ganz Deutschland ist die Feldlerche insgesamt noch ein häufiger Vogel, doch nimmt ihr Bestand seit Jahrzehnten drastisch ab. Aus diesem Grund ist sie auf der Roten Liste mittlerweile als „gefährdet“ eingestuft. Und ihr Niedergang ist stellvertretend für den einer ganzen Lebensgemeinschaft des Offenlandes. Um nur mal ein paar Vogelarten zu nennen: Grauammer, Schafstelze, Wiesenpieper, Rebhuhn, Wachtel, Kiebitz, Großer Brachvogel, Wiesenweihe… Diese sind vielerorts völlig verschwunden, und die letzten Restvorkommen (z.B. in Baden-Württemberg) werden mit großem Aufwand geschützt und vor dem endgültigen Verschwinden bewahrt.

Was vielen vermutlich nicht klar ist: Die Feldlerche und ihre genannten Kolleg/innen werden sich niemals in einem Wald ansiedeln, und auch nicht in einer Streuobstwiese oder einem Stadtpark. Sie brauchen in jedem Fall die offene Landschaft, die ganz wesentlich durch das Wirken des Menschen entstanden ist. Auf Weiden, Wiesen und insbesondere Äckern fühlt sie sich ganz besonders wohl – also durchaus in der „ausgeräumten“ Feldflur. Und darum finde ich diese Landschaft auch schön, vermutlich gerade weil sie eine Verbindung aus Natur und Kultur darstellt.

Wenn da nur nicht die fortwährende Intensivierung der Landwirtschaft wäre, die „Bereinigung“ der Flur, die Vergrößerung der Schläge, der starke Einsatz von Düngemitteln und Insektiziden, die Veränderungen im Getreideanbau, die zunehmende Versiegelung der Flächen, die Störung durch Menschen und ihre Vierbeiner… Diese Entwicklung wird den Bewohnern der Feldflur auf längere Sicht den Garaus machen, leider. Letzten Endes machen wir die Natur kaputt, und unsere (ursprüngliche) Kultur gleich mit.

Aber eigentlich wollte ich mit diesem Artikel ja eine Lanze brechen für den ästhetischen Reiz und auch den ökologischen Wert von offenem Ackerland und Grünland, auch wenn diese „Kulturlandschaft“ auf den ersten Blick so „naturfern“ zu sein scheint. Und jetzt wäre fast mal wieder eine miesepetrige Zivilisationskritik dabei herausgekommen… Aber gerade noch rechtzeitig bemerkt und die Kurve bekommen!

Horst würde an dieser Stelle vermutlich schreiben: „bleibt neugierig!“. Ich möchte es etwas anders formulieren und einfach zu einem baldigen Feldspaziergang mit offenen Augen und Ohren animieren. Viel Freude dabei, und hoffentlich gibt es eine Feldlerche zu bestaunen!

21. April 2022
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)

Veröffentlicht von Sebastian

Geographer, naturalist and photographer (www.schroeder-esch.de). Based in Germany, but always keen to travel and explore

2 Kommentare zu „Kultur / Landschaft

  1. Hi Sebastian. Ein wirklich toller Artikel. Auch ich mag die Feldlerche und ihren Gesang sehr. Es wäre eine Katastrophe, würden die Tiere, die unsere Kulturlandschaft bereichern, verschwinden. Ich hoffe das irgendwann (schnell) ein umdenken stattfindet um unsere Feldfluren intensiver zu schützen.

    Gefällt 1 Person

  2. Danke Sebastian, für deinen vielschichtigen Beitrag!
    Gerade jetzt im Frühling wird das Dilemma besonders sichtbar und auch ich befinde mich da in einer Zwickmühle. z.B. liebe ich badischen Spargel und heimische Erdbeeren und warte jedes Frühjahr schon ungeduldig darauf, dass es die kulinarischen Köstlichkeiten zu kaufen gibt. Diese Ungeduld und auch unser Anspruch an schöne, perfekte Früchte führen dazu, dass riesige Flächen Ackerland durch Folientunnel „versiegelt“ werden (und einen riesigen Folien- Abfallberg hinterlassen)

    Vor etwa einem Jahr habe ich zum ersten mal die Feldlerche bewusst wahrgenommen. Ich sah während eines Spaziergangs einen braunen Vogel, der singend in luftige Höhen flog, kurz in der Luft verharrte, um dann (immer noch singend) im Sturzflug wieder auf den Boden zurückzufliegen. Dies wiederholte sich ein paar Mal, bis er in einer Ackerfurche verschwand. Im Nachgang habe ich gelesen, dass dies wohl ein typisches Verhalten einer männlichen Feldlerche zur Brutzeit ist. Ein tolles Erlebnis, welches ich nicht missen möchte!

    Und nun? Lieber keinen Spargel mehr essen? Oder der Feldlerche zuliebe, besser spanische Erdbeeren kaufen? Die Zusammenhänge sind heute so komplex, dass man, auch als bewusst einkaufender Verbraucher*in oft überfordert ist und nicht weiß, was „richtig“ ist und wie man handeln sollte.

    Gefällt 1 Person

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