sogesehen – Monatsfoto Februar 2024

Fragen an einen alten Steinbock

Sagen Sie mal, Herr Steinbock, was machen Sie denn gerade? – Ich gehe meiner Wege, warum?

Naja, so ganz allein? Wieso sind Sie nicht beim Rest der Herde? – Tja, die legen wohl keinen großen Wert auf meine Anwesenheit mehr. Aber mich stört das nicht, denn ich habe auch ganz gern mal meine Ruhe. Und ich weiß, wo es gutes Gras zu futtern gibt, das ich dann mit niemandem teilen muss. Ich ziehe mich sozusagen aufs Altenteil zurück.

Also stört es Sie gar nicht, dass so wenig Schnee liegt? Immerhin haben wir Ende Januar. – Nein, das tut es nicht. Ist doch auch viel bequemer zum Herumlaufen. Gerade in meinem Alter weiß man das immer mehr zu schätzen.

Nochmal zurück zum Thema Alleinsein: Wenn man Sie so sieht, wie Sie am Horizont entlang trotten, ganz allein in der Dämmerstimmung dieses Winterabends… Ehrlich gesagt, packt einen da schon das Mitleid, oder zumindest mal ein tiefes Mitgefühl mit einer gewissen melancholischen Note. – Ach ja? Und warum genau? Typisch Mensch, würde ich sagen. Ihr müsst immer Eure emotionalen Anwandlungen auf uns Tiere projizieren. Ich glaube, irgendeiner von Euch hat dafür mal den Begriff der Anthropomorphisierung erfunden. Spricht sich schwer aus, trifft aber den Sachverhalt meiner Meinung nach ziemlich gut. Also von mir aus könnt Ihr dieses Anthro-Dingsbums auch ruhig bleiben lassen und uns Tiere einfach unser Ding machen lassen.

Einspruch, Euer Ehren! – Wieso?

Ohne menschliches Handeln wären Sie heute Abend nicht hier, an diesem wunderschönen Ort! – Nanu, wie das jetzt?

Sie waren fast ausgerottet (schon klar, durch Menschenhand) und haben nur noch in einem kleinen Gebiet in den italienischen Alpen gelebt. Im Schweizer Jura jedenfalls nicht! Da mussten Sie erst wieder angesiedelt werden. – Das ist mir jetzt zu spekulativ.

Also habe ich Recht. – Schon möglich. Aber was war jetzt nochmal die Frage?

Keine Ahnung, habe ich glatt vergessen. – …

Aber ich wüßte noch eine. Darf ich? – Bitte.

Hier am Creux du Van gibt es ja jede Menge Ausflügler, selbst jetzt im Winter. Und viele davon kommen extra zum Fotografieren der Steinböcke in dieser Traumlandschaft her. Geht einem das nicht irgendwann auf die Nerven? – Das wäre jetzt zu viel gesagt. Wir profitieren nicht wirklich davon, das stimmt schon. Aber abgesehen von freilaufenden Hunden ist es ja nicht wirklich störend oder gar bedrohlich. Und selbst die kriegen sich ganz schnell ein, wenn sie unsere Hörner sehen. Den seltenen Pflanzen hier oben macht das mit den Besuchern mehr aus, was ich so mitkriege.

Wozu Sie mit Ihren Hufen und Ihrem Appetit auf leckere Bergkräuter aber auch einen Beitrag leisten! – Dazu sage ich nichts ohne meine Anwalt.

Das ist auch eine Antwort. Herr Steinbock, ich danke Ihnen für dieses Gespräch! – Bitte, jederzeit wieder.

2. Februar 2024
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)


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Veröffentlicht von Sebastian

Geographer, naturalist and photographer (www.schroeder-esch.de). Based in Germany, but always keen to travel and explore

5 Kommentare zu „sogesehen – Monatsfoto Februar 2024

  1. Hallo Sebastian,
    ich durfte ja schon öfter erleben, wie wunderbar es Dir gelingt, mit jeder und jedem ins Gespräch zu kommen. Aber daß Du auch fließend steinböckisch sprichst, war mir bisher völlig neu 😉

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