Wie süüüüüüß!

Ich erinnere mich noch gut an eine Begebenheit, die sich vor ein paar Jahren zugetragen hat. In Freiburg fand der Tag der Artenvielfalt statt, mit öffentlichen Exkursionen und Vorführungen zu verschiedenen biologischen Themen. Gutbesuchtes Highlight zum Abschluss des langen Tages waren die Fledermäuse am Waldsee. Man sah sie nicht nur über dem Wasser jagen oder am Abendhimmel hin- und herschießen, sondern dank eines eigens aufgebauten Fangnetzes konnte man diese kleinen Säugetiere auch aus nächster Nähe bewundern.

Einer der Exkursionsleiter hatte die Fledermaus behutsam aus dem Netz befreit und präsentierte sie dann, nachdem das Geschlecht bestimmt und das Gewicht ermittelt war, den gebannt lauschenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Ja, und kaum wurde das pelzige Tier im Licht der hellen Taschenlampe allgemein sichtbar, entfuhr es auch schon jemanden neben mir: „Oh, wie süüüüüß!“

Hmpf.

Schon lange habe ich vor, zu diesem Phänomen mal ein paar Sätze zu schreiben. Das ist für mich nämlich mehr als nur eine Anekdote. Ich halte diese Wahrnehmung von Tieren durch uns Menschen für ein Symptom eines Problems unserer Zeit.

Eine Fledermaus ist ein solches Tier, also ein Teil der belebten Natur. Wie wir Menschen, so ist auch sie ein Säugetier. Im Unterschied zu uns kann sie jedoch fliegen und besitzt einen großteils mit Fell bedeckten Körper. Ihre Ernährung besteht ausnahmslos aus anderen Tieren – mithin ist sie ein Fleischfresser und somit, wenn man diesen Begriff denn überhaupt benutzen will, ein „Räuber“ oder gar „Raubtier“.

So, liebe Leute: Was also ist jetzt bitte „süß“ an diesem Lebewesen?

Nicht, dass ich hier falsch verstanden werde: Weder stoße ich mich per se an dem Wort „süß“ (oder anderen Wörtern wie „niedlich“, „goldig“, „herzig“, „putzig“, oder was es noch so alles gibt in dieser Sparte), noch bin ich der Meinung, man solle zur Natur keine emotionale Beziehung haben. Ganz und gar nicht! Im Gegenteil, es ist aus meiner Sicht sogar elementar, dass wir Menschen uns wieder stärker als ein Teil der Natur begreifen und zugleich wieder eine engere Beziehung zu ihr aufbauen. Wir brauchen dringend ein Verhältnis, das aus Nähe, Respekt und Bewunderung besteht, und auch für Begeisterung ist hier natürlich reichlich Platz. Wir sollten uns auf Augenhöhe begegnen und endlich aufhören, den Menschen für die Krone der Schöpfung zu halten. Andernfalls fahren wir den Karren endgültig gegen die Wand.

Nichts davon schwingt aber mit in dem Ausruf „Oh, wie süüüüß!“. Aus meiner Sicht ist das einfach deplatziert, herablassend und letztlich anmaßend. Es wird der gefangenen Zwergfledermaus, dieser faszinierenden kleinen Kreatur, die uns Menschen in so vielen Belangen überlegen ist, kein bisschen gerecht.

Es gibt natürlich noch mehr solche Fälle. Man hört es so oft! Ich habe mal ein paar Bildbeispiele von Tieren zusammengestellt, die im Allgemeinen positiv besetzt sind (was für die Fledermäuse ja im Grunde gar nicht mal allgemein zutrifft):

Ganz klar: Es hilft ungemein, wenn Fell im Spiel ist! Und auch große Augen (und Ohren) sind nicht von Nachteil…

Auch im (oder am) Wasser darf man sich aufhalten:

Muss man aber nicht – eine staubige Straße ist auch akzeptabel.

Aber besser ist natürlich eine frische Blumenwiese, ganz klar.

Das sind schon alles mehr oder weniger deutliche Sympathieträger, oder? Bloß, auf welcher Wahrnehmung der tatsächlichen Realität beruht ein solches positives Image? Nehmen wir zum Beispiel das Eichhörnchen, einen Allesfresser, der mit Vorliebe Nester von Vögeln ausraubt und dann die Eier und Jungvögel frisst. Wieso ist diese Tierart jetzt „süß“, eine Eidechse jedoch nicht? Das ist doch komplett irrational und hilft überdies niemandem weiter – außer vielleicht uns Menschen, da wir uns in jedem Fall überlegen fühlen können.

Ein bisschen sollte ich meine Polemik jedoch schon noch differenzieren, scheint mir. Es gibt nämlich einen Aspekt, der in diesem Zusammenhang unbedingt erwähnt werden muss, und zwar das Konzept des „Kindchenschemas“.

Bei höher entwickelten Tierarten (also insbesondere Säugetieren), bei denen die Elterntiere ihren Nachwuchs aktiv aufziehen, spielt das Kindchenschema für den Aufbau einer engen und fürsorglichen Bindung eine wichtige Rolle. Große Augen in einem (über-)großen Kopf, hervortretende Gesichtspartien (z.B. die Stirn), allgemein weiche Konturen im Gesicht – dies alles dient dazu, die Fürsorge der Eltern zu fördern. In diesem Zusammenhang mag es verständlich sein, dass unsereins nicht nur beim Anblick von Menschenbabies positiv angerührt ist, sondern eben auch von Säugetierbabies. Jööööh!

Auch hierzu noch ein Beispiel:

Natürlich ist dieser Fuchswelpe sehr knuffig, gar keine Frage! Aber auch hier sollte man es mit der Verkitschung nicht zu weit treiben. Ich gebe jetzt einfach mal wieder, was ich kürzlich gehört habe: Dass nämlich zahlreiche Brutvogelarten der deutschen Nordseeküste gar nicht mehr auf dem Festland vorkommen, sondern nur noch auf den vorgelagerten Inseln und Halligen. Der Grund dafür: dort gibt es (noch) keine großen Fuchspopulationen, die ansonsten zur Ausrottung dieser Vogelarten maßgeblich beitragen.

Nicht übersehen sollten wir bei alldem jedoch zwei Dinge: Es gibt natürlich auch noch das andere Ende der Sympathie-Skala, und die Meinungen und Wahrnehmungen sind in der Bevölkerung durchaus verschieden.

Nehmen wir den Wolf als Beispiel. Ja, genau, den aus den Märchen, also Isegrim. Viele Menschen mögen ihn nicht oder verteufeln ihn gar. Dabei hat er ebenfalls Fell und große Augen. Aber bei ihm funktioniert das irgendwie nicht. Man hört in letzter Zeit gelegentlich die Aussage: Die Menschen hatten in der Vergangenheit gute Gründe, den Wolf auszurotten, und diese Gründe existieren nach wie vor… Dieses Denken ist sowas von vorgestern, da wird mir Angst und bange.

Gleichzeitig gibt es Menschen, die zu dieser Abneigung offenbar ein Gegengewicht schaffen wollen und den Wolf daher über die Maßen verklären und lieben. Angeblich so ein harmloses, friedliebendes Tier, das niemandem etwas zu Leide tun will… Am besten legt man ein bisschen Futter aus zum Trost für das arme, süße (!) Tierchen. Und wer weiß, vielleicht kann man ihn auch mal ein bisschen streicheln, wenn er dann nah genug kommt.

Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Menschen eines Tages aufhören werden, die gesamte Tierwelt gemäß ihren eigenen, menschlich-vermenschlichenden Kategorien zu betrachten und zu bewerten. Wie wäre es denn, wenn wir einfach mal die Existenz von wilden Tieren akzeptieren und diese dann mit Respekt und Anstand und natürlich der gebotenen Distanz behandeln würden?

Veröffentlicht von Sebastian

Geographer, naturalist and photographer (www.schroeder-esch.de). Based in Germany, but always keen to travel and explore

7 Kommentare zu „Wie süüüüüüß!

      1. Im Großen und ganzen ja. Der Mensch neigt gerne zu Extremen. Auf die eine oder andere Weise. Allerdings bin ich auch Hundebesitzer und da gehört das Wort süß tatsächlich ab und an zu meinem Sprachgebrauch 😉🙂

        Gefällt 1 Person

  1. Ich finde deinen Text echt klasse und stimmig. Wenn man manche Dinge, auch den Natur- und Tierschutz, mehr mit Augenmaß machen würde, wäre es viel angebrachter. Gerade auch was das Thema Wolf anbelangt.
    Und wüssten die Leute von was sich Eichhörnchen außer von Nüssen ernähren, wären die dann immer noch süß?

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar, Markus! Freut mich sehr, dass Dir mein Beitrag zusagt. Irgendwie habe ich manchmal den Eindruck, manche Menschen sind der Meinung, dass sich die Tiere unsere Gunst und Zuneigung verdienen müssen. So als ob man als Lebewesen nichts wert sei, wenn die Leute einen nicht „süß“ finden. Das halte ich für einen großen Irrtum. Die Tiere existieren einfach so für sich, und natürlich als Teil eines großen Ganzen (das man Schöpfung nennen kann, wenn man möchte). Zum Thema Wolf denke ich: auch diese Tierart ist Teil des Ökosystems und hat daher ihre Existenzberechtigung, und noch dazu ist sie europäisch geschützt, mehr geht nicht. Wobei ich gleichzeitig nicht die Augen verschließe vor den Problemen, die die allmähliche Rückkehr des Wolfs in unsere Landschaft mit sich bringt…

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Sebastian,
    ich sehe deinen Bericht, den ich toll finde, in Wort und Bild, eher als einen, der es wert ist, als Aufruf, an die ganze Gesellschaft gesehen zu werden, die Tiere endlich als das zu sehen, was sie sind; Geschöpfe der Natur um uns Menschen herum und nicht als vermenschlichte Wesen zu unserem Vergnügen. Der Aussage deines Berichts und auch denen aller Kommentatoren bisher stimme ich voll und ganz zu. Mit dem „Kindchenschema“ hast du absolut recht. Ich ertappe mich manchmal selbst beim Anblick von Jungtieren aller Arten, etwas in dieses Schema zu verfallen.
    Ein Umstand, der diese Vermenschlichung sehr befördert, ist mir beim Lesen des Berichts sofort eingefallen.
    Ich ärgere mich schon länger über das Vokabular der Sprechertexte vieler Tierdokumentationen im Fensehen. Dort wird das Tierverhalten sehr oft mit vermenschlichten Formulierungen belegt, die den Tieren nicht gerecht werden. Das beginnt schon damit, was ich schon als Kind gelernt habe, dass Tiere nicht, wie wir Menschen, essen und trinken, sondern fressen und saufen; was übrigens auch in anderen, als nur in Tiersendungen, geschieht. Eine Ausnahme dabei sind nur wenige, wie z.B. Horst Stern.
    Also weg mit „süüüüüüß, oh wie niedlich, … in unserem Tiervokabular!

    In diesem Sinne; viele Grüße aus Schopfheim,
    Uli

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    1. Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar, Uli! Ich sehe, wir sind da voll und ganz auf einer Wellenlänge unterwegs. Ja, es ist genau diese Vermenschlichung in der Betrachtung und der Beschreibung von Tieren und ihrem Verhalten, die mir sauer aufstößt und die ich tatsächlich für den Ausdruck eines allgemeinen Problems halte. Nämlich dass wir Menschen uns immer wieder konsequent in den Mittelpunkt unseres Universums stellen. Das Kindchenschema hat ja seine Bedeutung, wenn es sich um unselbständige Jungtiere handelt (oder eben Menschenkinder), die noch nicht für sich selbst sorgen können. Alles andere aber ist menschliche Projektion und letztlich Vereinnahmung. Pfui! 🙂

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