Ein Froschkönig auf Hochzeitsreise

Jetzt sind sie wieder auf Wanderschaft; die Frösche und Kröten kommen aus ihren Winterlagern gekrochen, um in den nahe gelegen Tümpeln und Seelein zu laichen. Vielen von Euch sind sicher die Absperrungen an den Strassen aufgefallen. Freiwillige Helfer sammeln die Frösche und Kröten ein und bringen sie auf die andere Strassenseite, von wo aus sie sicher ihre Gewässer aufspüren können.

Die Amphibien sind gerne Nachts unterwegs, weshalb nicht selten bestimmte Strassenabschnitte in dieser Zeit gesperrt sind.

Ein besonderes Erlebnis bleibt mir jedoch noch lange in Erinnerung:

Letztes Frühjahr fuhren wir über die Ostertage einmal mehr in die Walliser Berge auf unsere Hütte. Jedes Jahr freute ich mich auf das Erwachen der Alpenflora. Bevor ich meine bekannten Blumen-Standorte aufsuchte, machte ich noch einen Abstecher zu dem nahe gelegenen Seelein. Ich wollte mich vergewissern, ob die Frösche bereits auf der „Hochzeitsreise“ waren. Letztes Jahr verpasste ich deren Wanderung zum Laichplatz bedauerlicherweise wohl nur um ein paar Tage. Die Woche zuvor war es recht warm, doch der neuerliche Kälteeinbruch brachte auch wieder Schnee. Nun hatte ich keine Ahnung, was mich bei dem Tümpel erwarten wird.

Bereits aus der Ferne konnte ich erkennen, dass gut ein Viertel der Wasseroberfläche noch zugefroren war – dies eigentlich ein gutes Zeichen. Erwartungsvoll näherte ich mich dem Teich. Die etlichen Wanderer, welche interessiert ins Wasser schauten, liessen mich neugierig werden. Sind etwa alle Frösche schon wieder im Wasser? Bin ich wieder zu spät oder hatte es erst gerade angefangen?
Beim Näherkommen sah ich dunkle Flecken, die sich auf dem Schnee langsam bewegen. Oh bitte lass es Frösche sein!! Ja, perfekt, es waren Frösche die auf dem Weg ins Wasser zu ihren Laichplätzen waren. Sie kamen nicht in Scharen wie ich es mir ausgemalt hatte, aber egal, Hauptsache ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und konnte die wandernden Frösche beobachten und fotografieren.

Sobald die kalten Nächte vorbei sind, kommen die Grasfrösche aus ihrem Winterquartier gekrochen. Sie verbringen die kalte Jahreszeit in Erdlöchern und Wurzelhöhlen. Glücklicherweise müssen die Frösche hier keine Strassen überqueren und finden den Weg unbeschadet zu ihrem Laichgewässer.

Schnell legte ich meinen Rucksack ab, schnappte die Kamera und näherte mich vorsichtig einem hüpfendem Frosch. Um ihn nicht zu stören, blieb ich auf Abstand. Ich kann mir vorstellen, dass der Weg über den Schnee eine energieraubende Wanderung ist und will die Frösche nicht zusätzlichem Stress aussetzen. So entschied ich mich aus Respekt an Ort und Stelle still zu verharren und hoffte, dass die Frösche an mir vorbei hüpfen würden. Witzigerweise gab es vereinzelt Tiere, die direkt auf mich zu kamen, vor mir sitzen blieben und mich glubschäugig bemusterten. Vor allem ein Frosch blieb eine gefühlte Ewigkeit vor mir sitzen. Ob er wohl auf einen Kuss wartete? Das mit dem Küssen liess ich dann doch bleiben…

Viele Frösche kamen bereits zu zweit daher gehüpft. Kommt ein Weibchen aber allein, wurde es sogleich von den Männchen angesprungen, welche sich regelrecht an ihren Körper klammerten. Nach ein paar Huckpacksprüngen folgte eine längere Pause. Ich kauerte im Schnee, hatte nasse Ellbogen und Knie und wartete geduldig auf die nächste Bewegung. Nach einer nicht unbeträchtlichen Erholungszeit rafften sich die Frösche wieder auf, krabbelten zuerst ein paar Schritte, bevor sie zum grossen Sprung ansetzten. Erstaunlich dabei ist, mit welcher Synchronität das Froschpaar die Beinbewegung vollzieht und mit gestrickten Beinen elegant den Sprung ausführt. Man könnte meinen, sie nehmen an einem Synchronspring-Wettbewerb teil, wobei ich ihnen eine glatte „zehn“ gegeben hätte! Das Hochzeitspaar hatte nur ein Ziel – möglichst schnell ins Wasser zu kommen, wo bereits hunderte Artgenossen warteten.

Nun gesellte sich auch noch eine Dreiergruppe zum Geschehen dazu. Es war sehr unterhaltsam zu beobachten, wie das überzählige Männchen einfach nicht von den beiden anderen ablassen wollte. Da er sich kaum richtig festhalten konnte, war jeder Hüpfer für ihn mit einem ungeheuren Kampf verbunden an den beiden dranzubleiben. Nach einigen erfolglosen Versuchen gelang es dem Paar aber schliesslich den unliebsamen Wedding-Crasher loszuwerden. Die beiden machten sich aus dem Staub und hüpften munter Richtung Wasser. Der Verlassene blieb verdattert zurück und machte sich dann gezwungenermassen allein auf den Weg zu Teich, wo er hoffentlich doch noch eine passende Partnerin finden wird.

Interessant, wie die Männchen erwartungsvoll im Wasser verweilen und Richtung Ufer schauen. Alles was sich bewegt, wird sofort anvisiert – wohl immer in der Hoffnung, die richtige Partnerin hüpft gleich ins Wasser!

Zu hunderten sind sie im Wasser und waren schon sehr fleissig, überall hatte es Laichballen. Das Laichgeschäft muss innerhalb weniger Tage erledigt werden. Das Weibchen kann bis zu 2800 Eier an den Wasserpflanzen ablegen. Das Männchen gibt anschliessend bei der äusseren Befruchtung seinen Samen dazu. Drunter, drüber, ineinander verschlungen, alleine, zu zweit, zu dritt und nicht selten zu viert. Die armen Weibchen müssen einiges aushalten, denn die Männchen schnappen sich alles was sich bewegt. Manchmal kann so ein Kampf für das Weibchen auch tödlich enden. Dann nämlich, wenn es von den Männchen ständig unter Wasser gedrückt wird. Es hat dann keine Möglichkeit mehr Luft zu holen und ertrinkt. Selbst als ein Wanderer die Hand ins Wasser hielt, griff ein Frosch nach seinen Fingern. Der verdutzte Mann zog blitzschnell die Hand wieder aus dem Wasser.

Am nächsten Tag machte ich mich erneut auf den Weg zu dem kleinen Tümpel. Es war aber bereits viel ruhiger geworden. Es schien als seien alle Grasfrösche im Wasser angekommen, denn auf dem gegenüber liegenden Schneehang bewegte sich nichts mehr. Der grosse Hochzeitsmarsch hatte wohl schon am Tag bevor ich da war stattgefunden. Ich konnte mich nun zufrieden meinen Blümchen widmen.

Es ist schwierig abzuschätzen, wenn die Grassfrösche sich erneut auf den Weg machen werden. In den nächsten Tagen wird es wohl wieder soweit sein. Ich werde diese Woche einen Ausflug machen und mit etwas Glück erwarten mich die Grasfrösche auch schon ;).

6 Kommentare zu „Ein Froschkönig auf Hochzeitsreise

  1. Frösche im Schnee – ich wusste gar nicht, dass die überhaupt durch den Schnee stapfen können! So ein lustiger Bericht, ich musste immerwährend schmunzeln. Die Geschichte mit dem „flotten Dreier“, die Synchronsprünge… Alles sehr gut beobachtet und liebevoll präsentiert. Danke!

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  2. Hallo Susanne, Dein Rendez-vous mit dem Frosch, nein mit den Fröschen, hat mir sehr gut gefallen. Du beschreibst unterhaltsam Deine Freude über die Begegnung und nimmst uns mit ins Geschehen. Mir gefallen besonders die Bilder der Sprünge, herrlich! Danke Dir und ich drücke die Daumen für weitere derartige Begegnungen. Liebe Grüße, Michael

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