Herr Nachbar

Seit einigen Tagen singt eine Amsel rund um unser Haus. Der Vogel (da es ein Männchen ist, würde man ihn als Amselhahn bezeichnen) hat verschiedene Singwarten, von denen aus er vor allem in der Morgen- und Abenddämmerung die Umgebung beschallt. Frühling!

Offenbar ist er noch nicht so ganz routiniert beim Singen. Entweder ist er noch ein junges Männchen (vielleicht vom Vorjahr), oder er ist vom Winter noch etwas „eingerostet“. Jedenfalls ist sein Gesang noch nicht so ausgereift, wie man sich einen typischen Amselgesang vorstellt. Natürlich wunderschön flötend und voller verschiedener, abwechslungsreicher Elemente – aber die einzelnen Strophen sind noch nicht so lang und ausgewogen, teilweise etwas abgehackt. Man hat stellenweise den Eindruck, als übte der Hahn noch ein bisschen oder sei vielleicht auf der Suche nach seinem individuellen Stil. Diese Interpretation ist auch überhaupt nicht weit hergeholt: Das Tier muss ja insbesondere über den Reviergesang in der Konkurrenz mit seinen Rivalen bestehen und zugleich Weibchen anlocken. Und die wissen genau, was sie wollen: einen Mann, der laut und abwechslungsreich singen kann, denn das sind untrügliche Anzeichen für gute Gene.

Heute morgen (ich bin sozusagen im HomeOffice) hat sich der Herr Nachbar auf einen Baum am Straßenrand vor unserem Haus gesetzt und für einige Minuten aus voller Kehle gesungen. Da war es schon hell, und ich war am Schreibtisch zu Gange. Zwischen ihm und mir lagen keine drei Meter Entfernung. Sehr schön saß der Amselhahn im Licht der Morgensonne da und flötete seine Strophen.

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Ich musste nicht lange überlegen – geschwind die Kamera mit dem Teleobjektiv herausgeholt, vorsichtig das Fenster geöffnet und draufgehalten. Der Baum, den er sich als Sitz- und Singwarte ausgesucht hatte, ist zwar infolge einer rabiaten Rückschnittaktion im vergangenen Herbst keine besondere Augenweide. Aber Herr Nachbar hat von dort aus einen guten Überblick und wohl auch eine günstige Akustik, und das sind gewichtigere Argumente als Ästhetik.

Erstaunlich: In der kühlen Morgenluft und vor dem dunklen Hintergrund des gegenüberliegenden Hauses wurde die kondensierte Atemluft sichtbar, die Herr Nachbar beim Singen ausstieß. Da hat er also ordentlich Dampf abgelassen.

Ich hoffe, die Amsel bleibt uns in den kommenden Wochen und Monaten erhalten und singt noch an vielen Morgen und Abenden. Vielleicht findet sich auch eine Partnerin, und es gibt Nachwuchs. Wir drücken die Daumen.

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11. März 2024
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)


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Veröffentlicht von Sebastian

Geographer, naturalist and photographer (www.schroeder-esch.de). Based in Germany, but always keen to travel and explore

6 Kommentare zu „Herr Nachbar

  1. Hallo Sebastian,
    auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, freue ich mich immer wieder daran, wie Du Deinen und damit auch unseren Blick schärfst für das Außergwöhnliche im Alltäglichen!

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