Ein Idyll, eine Oase der Ruhe, dieser wunderschöne See, von Bergen und malerischen Dörfern eingerahmt. Erkennt jemand diesen Ausblick?
Ich selber kannte die Stelle nicht bis zu einem Besuch Anfang September. Es ist der nördliche Gardasee in Oberitalien, wo der Blick durch das wunderbare Tal von Santa Lucia (Valletta di Santa Lucia) von Nago hinab über Torbole bis zum türkisblauen Wasser des „Benaco“ schweift – einfach umwerfend. Ein uralter Verbindungsweg zwischen dem Trentino und der Po-Ebene verläuft hier, und man kann ihn bis heute zu Fuß beschreiten (wenn man mit der groben Steinpflasterung klarkommt). Sogar Goethe ist hier mutmaßlich hindurchgewandert auf seiner Reise nach Italien. Rundum einfach traumhaft.

Wobei – apropos rundum: So schön sich der Gardasee mitsamt seiner Umgebung auch präsentiert, so voll ist er auch mit Besuchern. Ja, es ist mir schon klar: Ich war ja auch da, und auch mein Auto hat die Straßen und Parkplätze genutzt und besetzt. Und doch war es ein regelrechter Schock zu erleben, wie sich die Blechlawinen durch die Straßen wälzen – oft mehr im Stillstand als in der Fortbewegung. Die Örtchen am Ufer mit ihren zahlreichen Restaurants platzen aus allen Nähten vor lauter Touristen, die Ausflugsboote quellen über, bei der Bergbahn auf den Monte Baldo steht man an und fühlt sich wie die Sardine in der entsprechenden Büchse, geschätzt 80% deutsche Kennzeichen an Autos und Motorrädern – und all das nicht etwa Mitte Juli, sondern im September! Ich kenne nicht die genaue Definition des Begriffs „Over-Tourism“ (wenn es denn eine gibt). Aber ich fürchte, die Zustände am Gardasee kamen ihr ziemlich nah.
Meine abschließende Betrachtung ist nicht besonders ausgefeilt, aber ich will sie hier trotzdem formulieren: Mal abgesehen davon, dass ich sobald nicht wieder in die Region reisen werde (jedenfalls nicht während der Sommermonate) – ich komme schon ins Grübeln darüber, ob wir als Gesellschaften in Deutschland und darüber hinaus nun in einer Krise stecken oder nicht, und wen das nun in welchem Ausmaß betrifft. Gerade angesichts der Wahlergebnisse der vergangenen Wochenenden und davor ist so viel die Rede davon, dass Menschen einen wirtschaftlichen und sozialen Abstieg entweder bereits erleben oder ihn befürchten. Das will ich gar nicht in Zweifel ziehen. Aber wie passt das zusammen mit den schieren Massen an Touristen in dieser wahrlich nicht kostengünstigen Urlaubsregion? Wo ist da die Krise? Ich weiß keine Antwort, aber die Diskrepanz in der Wahrnehmung macht ein mulmiges Gefühl.
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