Schrecklicher Schotter

Ich bin gerade für ein paar Tage in Bayern. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich diesen Teil Deutschlands nur sehr wenig kenne, darunter auch die bayerischen Alpen. Grund genug, um mal herzukommen, und sei es nur für eine Stippvisite.

Nachdem mich ein Ausflug ins hochtouristische Karwendel bei Mittenwald nur mäßig begeistert hatte, wollte ich mir gerne noch eine etwas ursprünglichere Landschaft anschauen und habe daher eine Exkursion in die Ammergauer Alpen unternommen.

Nur weil man im Gebirge ist, muss man ja nicht immer auf die Berge rauf. Habe ich mir gedacht und bin ins Tal der Linder gefahren. Das liegt nicht weit von Oberammergau und ist eines der ganz wenigen Täler, in denen der Fluss nicht reguliert ist, sei es zur Energiegewinnung oder zum Schutz vor Hochwasser. Hier gibt es noch eine naturnahe Auenlandschaft mit sehr viel Dynamik und einer Landschaft von ganz eigener, herber Schönheit. Man fühlt sich hier einfach „steinreich“!

Fragt sich bloß: wo ist eigentlich der Fluss? Der ist um diese Jahreszeit ein klitzekleines Bächlein (nicht fotografiert). Auf Fachchinesisch wird diese Art von Landschaftsform als „Wildbach-Umlagerungsstrecke“ und lokal als „Gries“ bezeichnet (mehr Infos dazu auf den Seiten des Naturparks Ammergauer Alpen). Dementsprechend war ich also im Lindergries unterwegs, und da gibt es wirklich allerlei zu sehen. Denn der Fluss (wenn er denn mal Wasser führt, insbesondere zur Schneeschmelze im Frühjahr) transportiert natürlich allerlei Krempel talabwärts, von kleinen Dingen bis hin zu weniger kleinen.

Ich kam mir vor wie in einem Freilicht-Skulpturenpark.

Die Weite dieser Tallandschaft ist beeindruckend und schaurig-schön. Erst recht mit rasch heranziehenden Regenwolken am Horizont. Aber auch im Kleinen gab/gibt es viel zu entdecken.

Wenn nur der Regen nicht so schnell gekommen wäre…

Aber getreu dem Motto „Das Beste kommt zum Schluss“ hat mir das Schicksal gegen Ende noch ein echtes Schmankerl serviert – den wahren Grund für meinen Ausflug ins Lindergries!

Na, wer findet das Objekt meiner Begierde?

Hiermit sollte es jetzt geklappt haben.

Ich weiß ja nicht, wer meine Begeisterung über diesen Fund teilen kann. Ich jedenfalls habe mich wie Bolle über diese Heuschrecke gefreut.

Es ist nämlich nicht irgendein Nullachtfünfzehn-Hüpfer, sondern die extrem seltene Gefleckte Schnarrschrecke (Bryodemella tuberculata, mehr Info hier), die im Alpenraum und überhaupt in Europa nur noch an ganz wenigen Stellen vorkommt. Ihr Lebensraum sind genau diese unverbauten, wilden Flusstäler mit ihren ausgedehnten Schotterfluren. Tja, und die hat der Mensch nun mal zum allergrößten Teil zerstört. Somit sind auch die allermeisten Vorkommen dieser hochspezialisierten Insektenart unwiederbringlich verloren.

Kein Wunder also, dass dieses Exemplar hier etwas verdrießlich dreinschaut…

Ich jedenfalls war so geflashed durch diesen tollen Fund (ein einziges Tier nur!), dass mir der nun starke Regen gar nichts mehr ausgemacht hat und ich nass und glücklich zurück zum Auto getalpt bin. Hoffentlich kann ich diesen besonderen, „schrecklich-schönen“ Ort noch einmal besuchen. Vielleicht scheint ja dann auch die Sonne, und ich finde noch den Kiesbank-Grashüpfer…

Veröffentlicht von Sebastian

Geographer, naturalist and photographer (www.schroeder-esch.de). Based in Germany, but always keen to travel and explore

10 Kommentare zu „Schrecklicher Schotter

  1. Eine Wasserlandschaft ohne Wasser – aber trotzdem „sieht“ man es überall.
    Ich finde Landschaften, die sich nicht gleich auf den ersten Blick erschließen, oftmals spannender als das schicke Alpenpanorama. Man muß sich intensiver damit beschäftigen, sich darauf einlassen und dann erzählen diese Landschaften ihre Geschichten. Manches Stückchen Treibholz und auch der besondere Hüpfer hätten da sicher Spannendes zu berichten 🙂
    Sebastian, klasse Beitrag über herbe Schönheiten (und da schließe ich die Schrecke mit ein)

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    1. Vielen Dank für Deine schöne Rückmeldung, Steffi! Ja, Du hättest an dem Fleckchen ganz sicher auch Deine Freude und würdest mit Deiner Vorliebe für Sprödes und Herbes voll auf Deine Kosten kommen. Diese Spannung zwischen der Abwesenheit von Wasser und den überall sicht- und greifbaren Spuren macht diesen Ort sehr interessant. Exkursionsziel?

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      1. Das wäre definitiv eine Überlegung wert!
        Dies hätte sicher Potential für eine tolle Mischung aus Natur erleben und Natur fotografieren. Zum einen scheint es da allerhand seltene Vögel, Käfer, Spinnen und Heuschrecken zu geben (über die du uns sicher so einiges erzählen könntest) und zum anderen bietet der Ort auch Möglichkeiten vielseitiger Landschaftsfotografie z.B. eignet sich sicher super für Schwarzweiß.

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  2. Hallo Sebastian.
    Ich finde solche Orte sollte man viel öfter besuchen. Dein Fund zeigt es ja deutlich. Diese Heuschrecke hätte ich auch gerne gesehen. Danke fürs Zeigen

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    1. Vielen Dank, Horst! Ich finde solche etwas „abseitigen“ Orte immer sehr anziehend. Wobei es für die natürlich insgesamt besser ist, je weniger Leute dort umherstapfen… 😉 Aber mit Dir würde ich da sofort wieder hinfahren, da gibt es ganz sicher viel zu entdecken (zumal wohl obendrüber der Steinadler regelmäßig seine Kreise zieht)

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  3. Hallo Sebastian,
    starke Bilder!
    Auch aus einer eher tristen Schotterwüste können durch veränderte Blickwinkel und Kamerapositionen tolle und interessante Fotos entstehen. Bei den Detailaufnahmen würde mich besonders interessieren, welche Farben die Schrecke beim Sprung/Flug zeigt. Ich werde mir in Zukunft solche Extremorte genauer anschauen.
    Grüße, Uli

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    1. Hallo Uli, das freut mich ja, dass Dir mein Artikel zusagt, vielen Dank für das Lob! So trist kam mir die Landschaft wirklich nicht vor, sondern eigentlich vom ersten Blick an wie ein großer Spielplatz. Aber es stimmt natürlich schon: Das gängige Schönheitsideal sieht anders aus… Bezüglich der Heuschrecke und ihres Aussehens empfehle ich den eingefügten Link zu orthoptera.ch, denn dort gibt es weitere Aufnahmen, und darunter auch Darstellungen der farbigen Hinterflügel. Die sind eher blassrosa gefärbt und nicht sehr intensiv. An der Utzenfluh im Oberen Wiesental gibt es ja die Blauflüglige und die Rotflüglige Ödlandschrecke – das sind in punkto Farbigkeit ganz andere Kaliber!

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