Sylvain und die anderen

Der Spätsommertag am Mittelmeer geht zur Neige. Das Wetter ist noch immer wunderbar in Le Grau-du-Roi an der französischen Südküste – warm, sonnig, trocken, klar, windig. Ein paar wenige Leute baden noch in den Fluten oder gehen am Strand spazieren. Kaum zu glauben, dass wir schon Mitte September haben. Klingt wie Nachsaison?

Nicht für alle.

Wie aus dem Nichts ist ein ganzer Schwung Kitesurfer aufgetaucht. Auf dem durch den warmen Abendwind aufgewühlten Meer sind sie offenbar ganz in ihrem Element. Wild und scheinbar planlos, ja geradezu chaotisch fahren sie umeinander und verheddern sich doch nie, weder in ihren eigenen Schnüren, noch miteinander.

Ich muss gestehen, dass ich bisher nie viel übrig hatte für diese Art von Wassersport. Und damit meine ich nicht, dass ich je in Betracht gezogen hätte, es selber einmal zu versuchen. Einfach den Anblick fand ich eigenlich nie besonders attraktiv. Das hat sich radikal geändert an jenem Abend!

Ob es Zufall war oder Vorsehung, dass ich just in diesem Moment mein Teleobjektiv mit an den Strand genommen hatte? Ich werde es nie erfahren. Jedenfalls habe ich vor Staunen kaum den Mund zu bekommen und konnte zugleich mein Glück kaum fassen angesichts dieser Motivpalette bei besten Fotobedingungen. Eine ganz besondere Verbindung aus Ästhetik, Athletik und nicht zuletzt auch Dramatik.

Faszinierendes Ballett in Wasser und Wind im immer goldener und röter werdenden Licht der südlichen Abendsonne. Ob zu zweit, zu dritt, oder auch ganz allein.

Und dann trat Sylvain in mein Leben. Oder besser: er fuhr.

Sylvain surfte von allen am dichtesten am Strand entlang. Und so war ihm nicht entgangen, dass ich wohl das eine oder andere Foto von ihm und den anderen schoss. Das weckte sein Interesse, und nachdem er ein paar Mal hin und her gekreuzt war, kam er an Land und rief mich. Ob wir Telefonnummern austauschen könnten. Und ob er die Bilder haben könne, die wohl gerade entstanden seien.

Na, und ob er das kann!

In unserer kurzen Unterhaltung wurde schnell deutlich, dass dieser Abend auch für ihn, den alten Kitesurf-Bären, etwas Besonderes war. Und so hatte er es auch, nachdem die Porträts im Kasten waren (ich immer wieder bang zu dem gigantischen Schirm im Himmel schräg über mir hochschauend), durchaus eilig, wieder ins Wasser zu kommen und die letzten Sonnenstrahlen auszukosten.

So wie die anderen.


21. September 2021
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)

Veröffentlicht von Sebastian

Geographer, naturalist and photographer (www.schroeder-esch.de). Based in Germany, but always keen to travel and explore

11 Kommentare zu „Sylvain und die anderen

  1. Hallo Sebastian, tolle Bilder, sie erinnern mich an meine aktive Zeit als Kiter an vielen Spots. Als Schwarzwälder sind wir leider weit vom Wasser entfernt, also im Winter Snowkiten auf dem Feldberg oder dem Schauinsland. Eine tolle Alternative zum Skilaufen, wenn Corona das untersagt. Danke für deine tollen Bilder LG Bernd

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    1. Vielen Dank für Deine schöne Rückmeldung, Bernd! Freut mich sehr, dass Dir mein Artikel gefällt und dass er noch dazu so schöne Erinnungen bei Dir wachruft. Da hast Du meine völlige Hochachtung! Denn mir scheint das eine sehr knifflige und anstrengende Betätigung zu sein, und noch dazu zwischen den ganzen Welllen. Selbst ohne Sprünge würde ich mich nicht lange auf dem Brett halten, soviel steht fest. Aber rein optisch und ästhetisch bin ich ab sofort ein sehr großer Fan dieser Sportart! LG zurück, Sebastian

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  2. Ein Beitrag, ganz nach meinem Geschmack!
    Meine Antwort auf deine Frage „Ob es Zufall war oder Vorsehung, dass ich just in diesem Moment mein Teleobjektiv mit an den Strand genommen hatte?“ lautet: Weder noch! Meiner Meinung nach hättest Du dich ohne Tele gar nicht auf die Situation eingelassen. Wahrscheinlich wärst Du weiter am Strand entlang gebummelt und hättest Dich über den Sonnenuntergang gefreut.
    Ich bin fest der Meinung, dass man seine Sehgewohnheit ändert, sobald man die Kamera dabei hat (das ist sogar brennweitenabhängig). Das ist nicht immer von Vorteil, da man manchmal vergisst, die Szene einfach nur zu genießen.
    Diese spontanen kleinen Geschichten mit netten Begegnungen kann man nicht planen und das sind besondere Momente, an die man sich auch Jahre später noch gerne erinnert.
    Danke fürs Teilhaben lassen!

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    1. Bitte, immer wieder gerne! Dir herzlichen Dank für Deine ausführliche Rückmeldung und Reflexion. Ich gebe Dir völlig Recht bei dem, was Du über den Zusammenhang von Fotoausrüstung und Wahrnehmung einer Situation und Atmosphäre schreibst. In dem Moment war es auf jeden Fall goldrichtig, dass ich alles das dabei hatte (auch wenn es völlig ungeplant war). Und den Genuss hat es kein bisschen gemindert, eher noch gesteigert

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  3. Dieses Licht am Meer ist schon ganz besonders. Fast als ob es extra für die Kite Surfer da ist um ihre Silhouetten zu umschmeicheln. Toller text und richtig gute Fotos Sebastian. An solchen Tagen ist es einfach Bestimmung seine Kamera griffbereit zu haben. 🙂

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    1. Vielen Dank, Horst! Ja, die Jungs (und mindestens ein Mädel) an dem Abend, die waren wirklich in ihrem Element. Und ich durfte dabei sein, das war ein großes Geschenk. Du nennst es also Bestimmung? Also gut, da schließe ich mich Dir an 🙂

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  4. Hallo Sebastian, tolle Actionbilder und starke Farben. Früher hätte man auf Kodak-Film getippt mit den schönen Orange- und Rottönen. Wie wir sehen geht das aber auch digital sehr gut. Mir gefallen die Bilder, auf denen man den Sonnenuntergang fast nur erahnen kann sehr gut.
    Grüße, Uli

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