Wilde Tiere ganz nah

Manchmal ist man draußen in der freien Natur unterwegs und kommt sich doch vor wie im Zoo. Die gängige Annahme, dass es einerseits Haustiere (lassen einen nah ran) und andererseits Wildtiere (rennen immer sofort weg) gibt, wird dann auf eine harte Probe gestellt. In der Fachsprache bezeichnet man dieses Phänomen als „Habituierung“: Das heißt nichts anderes, als dass sich freilebende Tiere an Menschen gewöhnt haben, sich durch unsere Anwesenheit nicht gestört fühlen und dementsprechend eine geringe Fluchtdistanz haben. Bei Tierfotograf/innen natürlich sehr begehrt! Aber auch wer einfach nur beobachten will, wird an einer solchen Begegnung viel Freude haben.

Im August dieses Jahres haben wir zu mehreren einen Kurzausflug in die Schweiz unternommen, genauer gesagt: zum Niederhorn oberhalb des Thuner Sees. Steffi hat hierüber bereits berichtet („Sommernebel“) und eine ganze Reihe atemberaubender Landschaftsaufnahmen gezeigt, sowie natürlich Bilder von schönen Menschen. Dazu muss gesagt werden: Landschaft und Menschen in allen Ehren, die sind wirklich toll da oben. Aber die eigentliche Attraktion am Niederhorn sind doch (zumindest in naturfotografisch affinen Kreisen) die Steinböcke.

Ich muss gestehen, dass ich bis dahin noch nie einen Steinbock gesehen hatte. Es hat sich einfach nie ergeben. Die kommen halt auch nicht flächendeckend in den Alpen vor. Aber getreu dem Motto „Lieber spät als nie“ sind wir an besagtem Sommerwochenende in dieses bekannte Gebiet mit Beobachtungsgarantie gefahren und waren voller Hoffnung.

Und siehe da: schon an Tag 1 wurden wir fündig.

Schöne Tiere, gar keine Frage. Und definitiv habituiert! Jedoch war der Nebel nicht nur hartnäckig, sondern er hat der Szenerie doch irgendwie auch einiges an Reiz genommen. Wir hatten alle das Gefühl: Da geht noch mehr! Zudem bestand diese kleine Gruppe ausschließlich aus Weibchen und Jungtieren, und wir hofften natürlich auf einen richtigen Bock mit imposantem Gehörn (dämlich, aber wahr). Also früh ins Bett und am nächsten Morgen vor dem ersten Hahnenschrei raus ins Gelände. Der Blick an den dunklen Himmel zeigt ein paar funkelnde Sterne… Los geht’s!

Die Landschaft ist wirklich absolut beeindruckend, daran besteht überhaupt kein Zweifel – erst recht natürlich an einem so wunderbaren Sommermorgen. Ich habe mich in dem Moment bei dem Gedanken ertappt: „Okay, selbst wenn heute überhaupt kein Tier meinen Weg kreuzen sollte, war es doch schon jetzt ein grandioser Tag und ein lohnender Ausflug.“

Aber es blieb nicht bei der Landschaft…

Die Wanderwege am Niederhorn sind zwar nicht schwierig zu begehen, aber die Abhänge sind doch recht steil, und man möchte lieber nicht stolpern oder gar fallen. Also habe ich (unausgeschlafen und schwer bepackt, wie man an so einem Morgen nun mal ist) vor allem konzentriert auf meine Füße und die nächsten ein, zwei Meter geschaut. Irgendwann dann aber doch aus dem Augenwinkel die Wahrnehmung einer Bewegung im Gras.

Ein Alpenschneehuhn! Und zwar nicht nur eines, sondern sogar gleich ein ganzer Schwung. Selten gesehen, noch nie fotografiert, und dieses hier aus vielleicht fünf Metern Entfernung – Euphorie! Mein hektisches Gepacke am Fotorucksack war aber wahrscheinlich doch ein bisschen zu viel für die Tiere, so dass sie sich gemächlich hangabwärts und aus meinem Blickfeld getrollt haben. Die wussten genau, dass ich ihnen dahin nicht folgen würde! Die waren also eher semi-habituiert. Aber das Adrenalin hatte mich endgültig wach gemacht, und ich war bereit für weitere Begegnungen der tierischen Art.

Die Artenvielfalt bei der Tierwelt des Niederhorns ist eher überschaubar, und das gilt auch für die Vögel. Aber diejenigen, die dort vorkommen, sind allesamt sehenswert und auch sehr spezialisiert an den alpinen Lebensraum. So auch die Alpendohle – nomen est omen! Schon längere Zeit hatten wir ihre Rufe gehört und auch mal in größerer Entfernung einen kleinen Schwarm gesehen. Es dauerte aber eine gewisse Zeit, bis sie auch mal näher kamen. Sehr schön anzusehen sind diese kleinen Rabenvögel! Gut unterscheidbar waren die Altvögel (mit gelbem Schnabel, der schön mit dem schwarzen Gefieder kontrastiert) und die Jungvögel (mit dunklem Schnabel, wie oben zu sehen). Öfters waren sie auch mal im Familientrupp unterwegs, wobei die (flüggen!) Jungvögel permanent um Futter bettelten. Man kann’s ja mal versuchen…

Dann, mit einem Mal, tauchte ein wirklich großer Schwarm von Alpendohlen auf. Ein spektakulärer Anblick in dieser zerklüfteten Berglandschaft über dem Nebelmeer!

Aber wo waren die Steinböcke? War das hier einer?

Weit weg, aber doch deutlich erkennbar: Nein, kein Steinbock, sondern eine Gämse. Und zwar beim morgendlichen Sonnenbad. Es sei ihr gegönnt.

Wir liefen weiter, inzwischen schon wieder zurück in Richtung unserer Unterkunft. Die Mägen knurrten immer lauter, und das Licht der Sonne schien immer greller. Das Ende unserer Frühexkursion rückte immer näher. Da, plötzlich, wieder eine huschende Bewegung vor uns auf dem Weg. Auch das ganz sicher kein Steinbock (viel zu klein!), aber dennoch Grund zu großer Begeisterung: ein weiterer Schwung Alpenschneehühner!

Gar nicht so einfach zu sehen, oder? Es waren drei oder vier erwachsene Tiere im Sommerkleid (im Winter haben sie ein fast rein weißes Gefieder), die in aller Seelenruhe im Bereich des Wanderwegs nach Futter suchten und sich dabei nicht nennenswert durch uns stören ließen.

Da war es wieder, dieses Zoo-Feeling. Man sieht „wilde Tiere“, aber sie lassen einen ausgesprochen nah rankommen und trollen sich dann in aller Seelenruhe. Das machte Lust auf mehr. Und das nächste Highlight wartete auch schon hinter der nächsten Wegbiegung:

Endlich noch einmal Steinböcke! Und sehr zutrauliche noch dazu. Zwar war auch hier kein Bock darunter, sondern wieder „nur“ Weibchen und Jungtiere. Aber die haben dafür ihren ganzen Charme, ihr Showtalent und ihren Sinn für beeindruckende Posen in die Waagschale geworfen. Wir waren wieder voller Begeisterung.

Wenn einem nur nicht immer diese dämlichen Touristen ins sorgsam komponierte Bild laufen würden…

Unser Fazit nach gut 24 Stunden am Niederhorn: insgesamt wenige Tiere, doch diese haben es in sich. Und auf der Zutraulichkeitsskala sind sie schön weit oben angesiedelt. Ein Folgebesuch ist Pflicht, allein schon für die Chance einer Begegnung mit dem König der Berge.

An einem Sommerwochenende 2023 soll es hingehen. Wer kommt mit?

29. September 2022
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)

Veröffentlicht von Sebastian

Geographer, naturalist and photographer (www.schroeder-esch.de). Based in Germany, but always keen to travel and explore

3 Kommentare zu „Wilde Tiere ganz nah

  1. Hallo Sebastian, ein toller Artikel und Gratulation zu den schönen Aufnahmen! Ich würde mich freuen, wenn ich Euch im Sommer 2023 auf das Niederhorn begleiten darf. Eine Begegnung mit dem König der Alpen ist ein unvergesslicher Moment, den wir dieses Jahr im Aostatal erleben durften 🙂

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  2. Hi Sebastian. Dein toller Artikel ist mir fast entgangen. Tolle Bilder und Bericht. Die Alpenschneehühner hätten es mir auch angetan und der Rest sowieso, bis auf die Fotobomb 🙂 Ich würde 2023 tatsächlich auch gerne dabei sein 🙂

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