Grazile Killer

Es folgen drei Episoden rund um einen meiner Lieblingsvögel, die Küstenseeschwalbe (Sterna paradisea). Trotz des „paradiesischen“ wissenschaftlichen Namens fällt sie nicht durch besondere Buntheit oder ein extravagantes Federkleid auf. Was mich an ihr fasziniert, ist eher ihre Silhouette, ihre Art zu fliegen, und was man über ihre Lebensweise weiß. Und die Orte, an denen man sie antreffen und – oftmals aus der Nähe – beobachten kann, die sind in aller Regel auch besonders schön.

Seeschwalben sind mit Möwen verwandt und sehen ihnen auch einigermaßen ähnlich, jedenfalls bei oberflächlicher Betrachtung. Sie haben ein überwiegend weißes Gefieder und kurze Beine, und man trifft sie meistens an Gewässern an. Schaut man aber genauer hin und achtet darauf, wie sie fliegen und nach Nahrung jagen, werden doch ziemlich schnell die Unterschiede zu den Möwen deutlich. Seeschwalben sind nämlich sehr leicht gebaut und haben auffallend lange und spitze Flügel. (Weitere Infos im NABU-Steckbrief).


Episode 1: Farne Islands, Nordengland, Mai 2015

Wir haben uns extra (nach weiter Anfahrt) frühmorgens am Hafen von Seahouses in Northumberland eingefunden, um nur ja nicht das Boot hinüber zu den Inseln zu verpassen. Die Farne Islands sind berühmt für ihre Seevogelkolonien, vor allem natürlich die Papageitaucher. Aber zum Inventar gehören eben auch Seeschwalben. Und es ist nicht so, als müsse man lange nach ihnen suchen. Oder als brauchte man besondere Optik, um einen entfernten Blick auf sie zu erhaschen. Oh nein!

Steht man am Bootssteg für die kleine Fähre an, befindet man sich praktisch mitten in der Seeschwalbenkolonie. Und die finden das nicht witzig. Hüte und Mützen tragen die Leute auf dem Bild deshalb, weil das offiziell dringend empfohlen wird. Es sei denn, man möchte mit Schnabelhieben auf den Kopf traktiert und mit gezielt ausgebrachter Vogelkacke verziert werden. Man sieht sogleich: Es ist gefährlich dort! Aber das Risiko lohnt sich.

In der Brutsaison 2022 waren die Farne Islands übrigens für normale Besucher nicht zugänglich. Grund: Es grassierte dort (wie an vielen anderen Orten) die Vogelgrippe, die die Bestände der brütenden Seevögel drastisch dezimierte… 😦


Episode 2: Nordfriesland, Juni 2020

Das Eidersperrwerk in Nordfriesland ist ein interessanter Ort. Nicht gerade abgeschieden und einsam, aber doch spannend und stets einen Besuch wert. Und wenn man zur richtigen Jahreszeit dort ist, kann man auch hier die ganze Aktivität (und Aggressivität!) einer Vogelkolonie aus nächster Nähe miterleben. Umso begeisterter war ich, als mich meine Husumer Foto-Buddies Michael (aus unserem Blog-Team!) und Steffen im Sommer vor zwei Jahren dorthin mitnahmen.

Küstenseeschwalben (und andere) brüten nämlich auch hier, und man kann völlig auf Tuchfühlung mit ihnen gehen. Ihr akrobatischen Flugkünste finde ich immer wieder unglaublich schön und kann mich daran einfach nicht sattsehen.

Wer gerne Tiere fotografiert, kommt hier voll auf seine (oder ihre) Kosten. Man ist gut beraten, volle Akkus und leere Speicherkarten dabei zu haben – und nicht etwa umgekehrt… Ich hatte mir neben Porträtaufnahmen noch ein anderes fotografisches Vorhaben überlegt. Und zwar wollte ich versuchen, die Grazie dieser Vögel einzufangen, ihre geradezu ätherische Leichtigkeit in der Luft.

Ich muss gestehen: gar nicht so einfach. Und warum fliegen eigentlich alle von rechts nach links? Das lag an der Richtung des Windes, der immer vom Meer her blies. Die Seeschwalben fliegen verständlicherweise am liebsten gegen den Wind.

(Achtung, Werbung: Das Eidersperrwerk steht auf dem Programm einer vogelkundlichen Reise nach Nordfriesland, die ich Mitte Mai 2023 für Birdingtours leiten werde.)


Episode 3: Haapsalu, Estland, Mai 2022

Habe ich eigentlich schon von Estland geschwärmt? Vermutlich noch nicht genug, wenn überhaupt. Steffi hat kurz nach unserer Reise ins „Kaltland“ einen Artikel geschrieben, der schon einiges Lob enthält und auf den ich hier gern verweise. Sie und Martin waren meine Begleitung, als ich früh eines Morgens zur Kurpromenade von Haapsalu aufbrach. Unser Kalkül war: Dort sitzen und fliegen Seeschwalben umher, und vielleicht erwischen wir sie im (Gegen-)Licht der Morgensonne. Und siehe da: Unser Plan ging auf.

Es tut mir leid, aber ich kann mich an ihnen einfach nicht satt sehen!

Warum aber habe ich diesem Artikel eigentlich den seltsamen Titel „Grazile Killer“ gegeben? Das Adjektiv dürfte seine Berechtigung schon bewiesen haben. Jedenfalls hoffe ich doch sehr, dass meine Fotos wenigstens einen Bruchteil der Anmut zu vermitteln vermögen, die diese Vögel vor allem in der Luft demonstrieren. Aber „Killer“?

Ich will es mal so formulieren: Ich möchte kein kleiner Fisch sein und Küstenseeschwalben als Nachbarn haben…

Den Rest kann man sich irgendwie schon denken, oder? Genau.

Die Trefferquote, wenn die Küstenseeschwalben nach Fischen im Wasser stoßtauchen, scheint sensationell hoch zu sein. Kaum einmal tauchen sie aus dem Wasser auf, ohne dass ein kleiner silbriger Kollege in ihrem dolchartigen Schnabel zappelt. Diese Perfektion ist beeindruckend und irgendwie auch beängstigend. Aber sie tut meiner Begeisterung keinerlei Abbruch.

Im Moment sind sie alle unterwegs in die Antarktis (!), um dort das nächste halbe Jahr zu „überwintern“. Ich hoffe, sie kommen wohlbehalten wieder, und ich freue mich schon auf meine nächste Begegnung mit diesen phänomenalen Geschöpfen.

20. Oktober 2022
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)

Veröffentlicht von Sebastian

Geographer, naturalist and photographer (www.schroeder-esch.de). Based in Germany, but always keen to travel and explore

3 Kommentare zu „Grazile Killer

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