Kaltland

Estland, Mai 2022 – eine besondere Reise in schwierigen Zeiten.

Als mich Blogkollege Sebastian im Januar 2021 fragte, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm und ein paar weiteren Naturinteressierten nach Estland zu reisen, war mir schnell klar, dass diese Reise auf unsicheren Beinen stand. Dass wir, über ein Jahr später, nicht mit Corona, sondern mit einem Krieg in Europa konfrontiert werden würden, hätten wir uns in unseren übelsten Träumen niemals vorgestellt. Je näher die Reise rückte, desto bedrohlicher wurde die Lage in der Ukraine, und immer mehr schwand meine Vorfreude auf diese Reise. Wie gelähmt beobachteten wir das Geschehen, und so stand auch die Frage im Raum, ob wir die Reise absagen sollten oder nicht.

Auch ich hatte Zweifel. Es waren aber weniger die Bedenken um meine eigene Sicherheit, denn Estland ist Mitglied der NATO, jedoch fühlte es sich nicht richtig an, zum jetzigen Zeitpunkt eine „vergnügte“ Urlaubsreise in den östlichen Teil Europas anzutreten. Also warteten wir ab, tauschten Argumente aus, und am Schluss entschied sich ein Teil der eigentlichen Gruppe, die Reise doch anzutreten.

Foto: Steffen Biber

Eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus verschiedenen Ländern, aber alle mit einer gemeinsamen Leidenschaft: der Liebe zur Natur und zur Tierwelt (wobei der Schwerpunkt ganz klar auf den gefiederten Freunden lag).

Passend dazu war unsere Unterkunft auch kein hippes Stadthotel, sondern ein Holzhaus mitten im Wald, etwa 6 km zur nächsten Stadt Haapsalu.

Anfänglich war ich sehr gespannt, wie sich diese neun Tage entwickeln würden. Mit acht Personen (von denen ich bisher nur zwei persönlich kannte) zusammen in einem 120m2 Haus, als Selbstversorger und nur einer! Dusche, das hatte Potential für diverse Spannungen. Gleich vorneweg, meine Sorgen waren absolut unbegründet!

Da waren wir also, im Nordwesten Estlands, im Land der Moore und Birkenwälder.

Manche Fotos könnte man durchaus in eine Savanne verorten, jedoch waren die Temperaturen eher nordisch frisch. Während zu Hause das Thermometer zum ersten Mal im Jahr knappe 30°C anzeigte, waren wir froh, unsere Winterklamotten eingepackt zu haben.

Aber die Landschaft war eigentlich nicht der Hauptgrund unserer Reise, sondern die Tier- und hier im Besonderen die Vogelwelt. Und wir wurden nicht enttäuscht!

Unglaublich, was für eine Vielfalt und Vielzahl an Vögeln wir vor das Fernglas und die Linse bekommen haben! Wobei mir mancher „Vogel“ am Himmel dann doch ein mulmiges Gefühl verursachte.

Ich war überaus dankbar, dass (außer mir) fast alle meine Reisebegleiter_innen über ein enormes ornithologisches Wissen verfügten. Die verschiedensten Vogelarten in den richtigen Sprachen zu verstehen, das war für mich nicht immer einfach. In Deutsch, Französisch, Polnisch, Italienisch, einem kleinen Hauch Schwyzerdütsch und Englisch, das nenne ich gelebtes Europa!

Aber wie es in einem fremden Land so ist, man kann noch so viele Reiseführer lesen und das Netz auf Tipps durchsuchen, man ist sich nie sicher, zur richtigen Zeit dann auch am richtigen Ort zu sein. Also hatte Sebastian die geniale Idee, uns ornithologische Unterstützung aus der Region zu buchen. Gesagt getan, und wir trafen unseren Guide früh morgens auf einem Parkplatz im Nirgendwo.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber vor meinem geistigen Auge hatte ich eher mit einem gesetzteren Herrn mit Bart und Hut gerechnet….

Kerli

Ich glaube, es dauerte keine zehn Minuten und Kerli hatte uns alle in ihren Bann gezogen. Mich faszinierte ihre Begeisterung für Vögel, egal ob es um das scheue Haselhuhn oder ein gewöhnliches Rotkehlchen ging, ihre Begeisterung steckte an und ihre Fachkompetenz beeindruckte nicht nur mich. (Und fließend Deutsch sprechen konnte sie auch noch!). Sie führte uns frühmorgens zu den balzenden Birkhähnen, wir suchten zusammen das Haselhuhn und lauschten am Abend nach den Eulen. Und so wurden aus einen Tag plötzlich drei und diese hatten es in sich. Sehr wenig Schlaf, viel auf den Beinen und jede Menge Spaß. Danke, Kerli, für die wunderbare Zeit!

Aber wenn ich so zurück blicke, dann sind es wahrscheinlich weniger die schönen Fotos und die Vogelsichtungen, die mir am meisten in Erinnerung bleiben werden, sondern die Menschen, mit denen ich diese wunderbaren Tage verbringen durfte.

Hi Vinciane, Hania, Kerli, Steffen, Martin, Daniel, Davide and Sebastian,
thanks to all of you for a fabulous time in Estonia! I really enjoyed every single bit of it. Thanks for the wonderful evenings, sometimes with too much Vana Tallinn 😉 Thanks for the inspiring conversation and the delicious food. Thanks for your patience with the bird- beginners, and thanks to Sebastian for the organization and much more!

Foto: Sebastian Schröder-Esch




23 Kommentare zu „Kaltland

    1. Definitiv! Besonders unser erster Morgen im Moor war eine Sensation. Balzende Birkhähne auf der einen Seite und wenn man sich umdrehte ein Sonnenaufgang im Nebel. Das war unglaublich!

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    1. Herzlichen Dank Michael,
      ja, es war eine ganz besondere Reise. Die Moore und Wälder hätten dir auch gefallen, aber für schöne Küsten – und Meeresfotos fahre ich lieber nach Nordfriesland 🙂

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    1. Lieber Steffen,
      mit Dir jederzeit gerne wieder! Du bist mein Rettungsanker, wenn ich dann doch mal „den Vogel“ bekomme und ich eine Auszeit von den gefiederten Freunden brauche. Herzlichen Dank für deine nette Gesellschaft, die ich immer sehr genieße. 🙂

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    1. Hallo Mustafa,
      vielen herzlichen Dank für deine netten Worte 🙂 Es freut mich, dass Dir der Artikel gefällt.
      Grüße aus dem Wiesental

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  1. Wow, tolle Reise, toller Bericht voller Emotionen und wieder einmal faszinierende Bilder. Natur und schöne Bilder für mich in der heutigen unsicheren Zeit immer wichtiger. Danke dir Steffi für die Eindrücke die du uns Daheimgebliebenen zeigst.

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    1. Gerne 🙂
      Aber mir war und ist es auch wichtig, die aktuelle Situation nicht auszublenden. Das wird sicher auch nicht der letzte Beitrag zu dieser Reise gewesen sein, denn es gab auch tolle Motive abseits der Natur, z.B. Lost Places. Ich glaube, die könnten Dir auch gefallen!
      Liebe Grüße nach Freiburg.

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  2. Liebe Steffi –

    superschöner Bericht, einen ersten Eindruck von Deiner Estlandreise teiltest Du ja schon im Status. Nun, auf dem Laptop, ist noch alles viel differenzierter und lebendiger.
    Deine Galerie mit den Vögeln – Du kündigst an, was kommen wird und trotzdem bin ich über den „Metallvogel“ dann doch erschrocken.
    Vielen Dank und ich bin auf die Fortsetzung gespannt!

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    1. Lieber Martin,
      Danke für deine netten Worte und es freut mich, dass dir die Bilder gefallen 🙂
      Ich habe etwas gezögert das Kampfflugzeug mit reinzunehmen, aber das Thema gehört für mich zu dieser Reise einfach dazu. Es hat mich im Vorfeld beschäftigt und auch vor Ort nicht losgelassen, obwohl man dort nur vereinzelt damit konfrontiert wurde.
      Lieber Grüße Steffi

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  3. Liebe Steffi,

    herzlichen Dank für die tollen Fotos aus „Kaltland“ und den Bericht dazu.
    Du hast recht, man kann in diesen Tagen die aktuelle europäische Lage nicht einfach ausblenden, vor allem, wenn man sich relativ nahe an dem grausigen Kriegsgeschehen befindet. Schön dass ihr die Reise trotzdem angetreten habt, zumal ihr ja nicht auf wilde Partyjagd gegangen seid. Dein Bericht bringt uns einen guten Landesüberblick bezüglich Landschaft, Natur, Flora und Fauna. Wobei mir dort auf längere Zeit gesehen etwas entscheidendes fehlen würde; Berge, Hügel und Täler wenigstens am Horizont. Es ist schon sehr flach dort.
    Zu den Vögeln kann ich nur sagen, tolle Bilder; man kommt ins Schwärmen auch über die Weite in den Landschaftsbildern!!! Und PENG, kommt ein solcher ‚Metallvogel im Tiefflug daher und die schlimme Realität hat einen wieder.
    Apropos ‚Kaltland‘, ich sitze gerade hier auf ca. 1300 m ü.NN oberhalb von Bozen/Südtirol knapp unter den Wolken. In der Nacht hat es stark geregnet und abgekühlt. Auf dem nächstgelegenen Berg gegenüber liegt seit heute Nacht wieder Schnee !!! Dementsprechend sind die Temperaturen hier unter 10°C.
    Liebe Grüße ins Wiesental und alles Gute, Uli

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    1. Hallo Uli,
      herzlichen Dank, dass du dir sogar im Urlaub die Zeit für einen ausführlichen Kommentar nimmst!
      Bei den Bergen gebe ich dir absolut recht, wobei es auch mal ganz angenehm war, sich auf flachem Land, ohne nennenswerte Höhenmeter fortzubewegen.
      Ich wünsche Dir eine schöne Zeit in Südtirol und hoffentlich bald mit etwas Sonne und wärmere Temperaturen.
      Grüße Stefanie

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      1. Danke Stefanie für deine Urlaubswünsche. Gestern Nachmittag waren es schon wieder 22°C und nur noch leichte Bewölkung; typisches Bergwetter halt.
        Bei dem morgentlichen Regenwetter war es für mich kein großes Opfer, deinen Blogbericht zu kommentieren zumal die schönen Fotos sehr zu meiner Aufmunterung beigetragen haben.

        liebe Grüße, Uli

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  4. Liebe Steffi,
    Herzlichen Dank für den tollen Bericht! Die drei Tage mit eurer Gruppe waren für mich was besonderes. Wunderschöne Natur und noch schönere Gesellschaft – so soll sich ein richtiges Erlebnis in der Natur anfühlen!

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    1. Liebe Kerli,
      Dankeschön für deinen netten Kommentar! Auch ich denke sehr gerne an die Reise und an unsere Begegnung zurück. Du warst für mich eine tolle Repräsentantin deines Landes: modern, weltoffen, gebildet und naturverbunden – so werde ich Estland in Erinnerung behalten!
      Liebe Grüße Steffi

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