Auf dem schwarzen Eis

Mich hat die „Liebe zum Detail“ zur Makrofotografie gebracht. Sie eröffnet Welten, die wir normalerweise nicht wahrnehmen oder sehen können. Die Makrofotografie bringt kleine Dinge gross raus. Die extrem geringe Schärfentiefe lädt ausserdem zum Experimentieren ein – man kann Hintergründe ausblenden und Motive formatfüllend aufnehmen. Das Resultat ist nicht selten eine Abstraktion, wie ein Kunstwerk.


Wer Makrofotografie hört, mag zuerst an Frühling denken: Blümchen und Insekten. Doch die Makrofotografie hat immer Saison! Anders als andere Themenbereiche der Fotografie ist sie weder an spezielle Motive, noch Jahreszeiten gebunden. Ganz im Gegenteil: Sujets finden sich immer und überall. Im kühlen, farbarmen Winter gibt es zum Beispiel kaum etwas Schöneres, als nach dem ersten Frost mit der Kamera auf Streifzug zu gehen. Einfach unglaublich, was die Natur bei Minusgraden und Nebel alles zaubern kann.

Nicht nur der Nebel hinterlässt Spuren, welche wir nicht schöner machen könnten. Wenn es längere Zeit klirrend kalt ist und Frau Holle keine Kissen schüttelt, gefrieren die Gewässer und man sieht auf den dunklen Seegrund. Wenn die Seen gefrieren und sich das sogenannte Schwarzeis bildet, gibt es für mich kein Halten. Leider ist dieses Phänomen in den Bergen nicht so häufig, um so aufgeregter war ich, als ich hörte, dass die Engadiner Seen schwarzgefroren sind. Ich habe buchstäblich alles stehen und liegen gelassen und bin mit Sack und Pack für drei Tage ins Engadin gefahren.

Nach der knapp dreistündigen Fahrt bin ich im Oberengadin angekommen. Noch bevor ich zu meiner Unterkunft fuhr, bin ich den grossen Engadiner Seen entlang gefahren und habe nach möglichen Fotospots Ausschau gehalten. Ich wollte auf Nummer sicher gehen, dass dort wo ich auf das Eis gehe, die Eisschicht auch wirklich dick genug ist. Nachdem ich mich mit einem Einheimischen unterhielt, der gerade seine Enkelin im Schlitten über den See zog, wich meine Unsicherheit und ich freute mich auf die kommenden Ausflüge. Endlich wieder einmal auf einem zugefrorenen See nach einmaligen Fotosujets suchen.

Wunderbares Licht auf dem gefrorenen Champferersee nach Sonnenuntergang.
Hunderte von gefrorenen „Augen“ schauten mich an!

Spätestens als ich das erste Mal, vor fünf Jahren, auf dem schwarzgefrorenen Oeschienensee im Berner Oberland stand, wusste ich, dass ich nicht zum letzten Mal über einen gefrorenen See gelaufen bin.

Es ist etwas vom Eindrücklichsten, was ich bisher gemacht habe. Die ersten vorsichtigen Schritte, obwohl für die Öffentlichkeit freigegeben, traute ich dem Eis nicht wirklich, waren sehr ungewohnt und mit viel Respekt setzte ich einen Fuss vor den anderen! Immer wieder stehenbleiben, dem ungewohntem Singen und Knacken des Sees lauschen und weiter Richtung Mitte laufen. Es ist einfach ein unglaubliches Gefühl über das Eis zu laufen, zu wissen, dass unter einem ein tiefer See liegt und ich nicht einsinke. Das Eis wirkt transparent und man hat das Gefühl, dass man über eine Glasplatte läuft. Es hat durchaus etwas Unwirkliches.

Es war sehr früh am Morgen, und es hatte kaum Leute auf dem Eis. Ich lief über das noch intakte, kaum zerkratzte Eis. Zum Teil sah man auf den Grund und es huschte auch schon mal ein Fisch vorbei. Die wieder zugefrorenen Risse im Eis gaben sehr spannende grafische Muster. Man entdeckt immer wieder neue Strukturen und Formationen, so dass sich die Speicherkarte recht schnell füllt – aber natürlich hatte ich genügend Reserve dabei!

Eiszeit in Manhattan
Erste Spuren auf dem Schwarzeis

Am interessantesten fand ich die gefrorenen Luftblasen, welche gefangen im Eis tolle Formationen zeigen und jedes Fotografenherz höher schlagen lässt. Mit etwas Fantasie sieht man allerlei Gestalten und Figuren – schockgefroren im Eis, können sie nicht mehr entweichen und harren aus, bis es wieder wärmer wird! 

Happy im Land der 1000 Bubbles!

Spätestens wenn die Schlittschuhläufer das Eis unsicher machen, ist die ganze Pracht jedoch vorbei.

Der frühe Vogel fängt den Wurm, dieser junge Schlittschuhläufer war einer der Ersten auf dem Eis.

Ich verbrachte den ganzen Tag auf dem Eis, habe immer wieder nach weiteren spannenden Sujets Ausschau gehalten, mich kurz in dem Bergrestaurant aufgewärmt, um dann gleich wieder auf dem Eis zu stehen oder noch besser zu liegen! Manchmal war ich so überwältigt, dass ich nicht wusste wo hinsehen und was fotografieren.

Selbst als am späten Nachmittag die Ausflügler wieder nach Hause gingen, musste ich ein weiteres Mal in die Mitte des Sees laufen und erhaschte noch einen intakten Eiskristall, kaum grösser als ein Zentimeter. Ich lag bäuchlings auf dem Eis, unter mir der singende See, und dieser zerbrechliche Eiskristall im Sucher. Die letzten Sonnenstrahlen leuchteten auf die Bergspitzen und es scheint, als ob dieser Kristall noch ein goldenes Bad nimmt. Ein wunderbarer Abschluss eines ganz speziellen Tages.

6 Kommentare zu „Auf dem schwarzen Eis

  1. Ein Einstand wie ein Paukenschlag! Text und Fotos gehen eine ganz famose, organische Verbindung ein. Schön, dass Du dabei bist, Susanne! Wir dürfen schon jetzt auf weitere Impressionen und Schilderungen gespannt sein…

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  2. Da kann ich Sebastian nur zustimmen. Was für ein toller Beitrag, Susanne! Das sind nicht nur Fotos, sondern richtige Kunstwerke. Das klare Eis eines Sees hatte ich bisher noch nicht auf meiner fotografischen ToDo- Liste, aber das wird sich ändern (sobald es kalt genug ist).
    Vielen Dank für den inspirierenden Beitrag und herzlich Willkommen bei Sogesehen 🙂

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  3. Susi, wie sie leibt und lebt. Für mich ist sie die Königin der Makrophotographie! Wie Stefanie schon schrieb; Susis Aufnahmen sind keine „Bilder“ sondern Kunstwerke. Sie schafft es immer wieder, die Makrophotographie „neu zu erfinden“ aber auch „Altbekanntes“ in Perfektion umzusetzen. Ein genialer Beitrag, der einem fesselt und die Bilder: Faszination pur! Grosser Kompliment – freue mich auf weitere Beiträge und wünsche allen einen schönen Abend.

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  4. Hallo Susanne,
    das ist ein ganz hervorragender Bericht. Deiner Beschreibung des über das Eis Gehens kann ich voll und ganz zustimmen. Das Gefühl beim Knacken des Eises und wenn man dann auch noch die sich bildenden Risse sieht ist schon ganz speziell. Ich kenne das vom Überqueren des Titisees vor Jahren, leider waren schon zu viele Ausflügler vorher da. Man konnte von den filigranen Objekten nichts sehen. Erst durch deinen Bericht weis ich jetzt was ich da verpasst habe. Am besten gefallen mir deine Fotos der geometrischen Figuren mit den orangefarbenen Lichtsäumen.
    Den Oeschinensee kenne ich nur vom Sommer her als sehr schönes Wandergebiet aber jetzt ist er für mich auch ein super Winterziel.

    Grüße aus dem Wiesental

    Uli

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    1. Vielen Dank Uli, ja der Oeschinensee ist immer eine Reise wert, vor allem gegen Ende Juni, wenn der Bergfrühling voll im Gange ist!
      Herzliche Grüsse Susanne

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