Ostsee, die erste (Darß)

Über die wundersame, ja geradezu mystische Wirkung von Langzeitbelichtungen in der Fotografie ist an dieser Stelle schon vor einigen Tagen geschrieben worden. Die Beispiele, die Horst in seinem Artikel gezeigt hat, waren Aufnahmen von verwunschenen Gebirgsbächen im Schwarzwald. Und seine Bilder zeigen sehr eindrücklich, wie die Bewegung fließenden Wassers durch längere Belichtungszeiten sichtbar gemacht werden kann – und wie stark das aussieht.

Und wisst Ihr was? Das geht auch mit Meereswellen!

Vor etwas mehr als zwei Jahren, genauer gesagt: im November 2017, bin ich für einen Foto-Trip an die Ostsee gereist. Einmal mit dem Zug quer durch Deutschland bis nach Zingst (okay, das letzte Stück ab Barth dann mit dem Bus), um bei Hans-Peter Schaub einen Workshop zur Landschaftsfotografie zu belegen.

Ich hatte im Vorfeld schon ein bisschen gegrübelt, ob das ein gutes Verhältnis von Aufwand (zeitlich und finanziell) und Ertrag sein würde… Aber im Nachhinein fällt meine Antwort uneingeschränkt positiv aus: Der Kurs war klasse (wenn auch leider ein bisschen kurz), die Ostsee ist ein wunderbares Foto-Revier, und neue tolle Freunde habe ich auch noch kennengelernt. Was will man mehr?

Horst hat bereits die Problematik angesprochen, dass manchen Leuten Aufnahmen mit Langzeitbelichtung (LZB) nicht „natürlich“ vorkommen und sie sie deshalb ablehnen. Mal abgesehen davon, dass man über Geschmacksdinge sicherlich immer streiten kann (wenn auch meist ergebnislos), so würde ich dieses Argument der „Unnatürlichkeit“ hier doch gerne entkräften wollen.

Unser menschliches Auge ist immer nur zu einer Momentaufnahme in der Lage, das heißt wir nehmen im Grunde keine Dynamik der Bewegung wahr. Bei LZB ist das anders: Objekte, die sich innerhalb des Bildausschnitts relativ zur Kamera bewegen (egal, ob Wasser, Wolken, fliegende Vögel, Pflanzen, Menschen, Fahrräder etc.), erscheinen mehr oder weniger unscharf. Die eigentlich statische Aufnahme macht so die Bewegung sichtbar! Und das ist per se eine tolle Sache, wie ich finde. Natürlich ist die Grenze zum Kitsch ganz schnell erreicht oder sogar überschritten – aber das muss ja erst einmal nicht gegen die Aufnahmetechnik an sich sprechen.

Für mich ist LZB (ob mit oder ohne Einsatz eines lichtschluckenden Filters vor der Linse) etwas ganz anderes als diese dämlichen digitalen Effekt“filter“, wie sie uns von Bildbearbeitungsprogrammen oder z. B. auch von Instagram angeboten werden.

Außerdem hat LZB noch eine andere Auswirkung, die man sich gezielt zunutze machen kann: Wasserflächen, etwa die Oberfläche des Meeres, können nämlich ganz gezielt „beruhigt“ werden. Der Blick der Betrachterin oder des Betrachters wird dann nicht mehr von kleinen Strukturen wie Wellen abgelenkt, sondern es werden stattdessen große Linien sichtbar oder auch Farben im Bildausschnitt. Gerade im Falle von Wasser kann das dann auch noch mit dem Einsatz eines Polfilters kombiniert werden, so dass man plötzlich auf den Grund des Gewässers schaut…

Natürlich hat LZB auch ihre Tücken. Wie der Name schon besagt, wird für eine lange Zeit belichtet. Das heißt, zum einen muss erst einmal (zumindest tagsüber) Licht reduziert werden, um die Aufnahme nicht überzubelichten – hierfür hat man dann hoffentlich einen Graufilter (ND) zur Hand… Und zum anderen muss die Kamera natürlich stabil fixiert werden. Das Wasser soll ruhig „verwischt“ erscheinen (= Bewegungsunschärfe), nicht aber der gesamte Bildausschnitt. Deshalb geht so eine Aufnahme in der Regel auch nur mit Stativ – es sei denn, man nimmt allgemeine Unschärfe in Kauf, was ja vertretbar ist und auch zu ansprechenden Ergebnissen führen kann. Beispiel gefällig? Die beiden Sonnenuntergänge ganz oben, die wirklich alles andere als „knackscharf“ sind…

Ja, sowas lernt man an der Ostsee! Mit dem Kurs waren wir insbesondere am atemberaubend schönen Darßer Weststrand, der uns mit toller Abendsonne und einem wolkenreichen Himmel begeistert hat. Privat habe ich dann noch den Sonntag angehängt und mich rund um den Strand von Zingst verlustiert. Der Himmel war dann zwar komplett bedeckt, aber dennoch nicht ohne Reiz.

Das Schöne an einem bedeckten Himmel ist ja, dass die Farben in der Landschaft oftmals viel besser sichtbar werden als bei Sonnenschein.

Ach ja: Falls sich jemand über den Titel dieses Blogartikels wundern sollte (warum „die Erste“?) – bitte einfach ein bisschen gedulden. Seit November 2017 ist ja auch schon wieder ein bisschen Zeit vergangen, da konnte man (= ich) durchaus noch einmal die weite Reise in den Nordosten unternehmen. Zumal man ja jetzt neue Freunde bei den Nordlichtern hat…

Veröffentlicht von Sebastian

Geographer, naturalist and photographer (www.schroeder-esch.de). Based in Germany, but always keen to travel and explore

4 Kommentare zu „Ostsee, die erste (Darß)

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