Ein Baum mit Durchblick, dazu herrlich verschneite Landschaft – dieses Motiv habe ich auf der Oberen Stuhlsebene in der Nähe des Belchens gefunden. Der Weidbuchenpfad führt dort entlang – er ist zu jeder Jahreszeit ein lohnenswertes Ziel! Blöd nur, dass ich ohne Schneeschuhe unterwegs war; auf dem Weg hinauf bin ich immer wieder eingesunken und hätte beinahe ich auf dem Absatz kehrtgemacht. Zum Glück habe ich dann eine Spur von anderen Schneeschuhwanderern gefunden, der ich folgen konnte.
Knapp fünf Jahre zuvor hatte ich schon einmal dort fotografiert – da musste ich den Baum im Hintergrund noch „unter der Achsel“ platzieren. Der Zahn der Zeit hat also kräftig an der Weidbuche genagt. Wie sie wohl in weiteren fünf Jahren aussehen wird?
Bei Weidbuchen handelt es sich übrigens um Rotbuchen, die durch Vieh-Verbiss in jungem Alter gezwungen werden, mehrfach auszutreiben. Dadurch ergibt sich eine breite Basis mit mehreren Stämmen, die dann später wieder verwachsen – so entsteht die typische knorrige Form.
Ich rätsele noch, warum einige Zweige im Winter noch Blätter tragen, während der Rest kahl ist. Vielleicht hat da jemand eine Idee?
Nah dran – das war unser Jahresthema des Fotokreises Lörrach im Jahr 2025. Nah dran, da dürfen sich natürlich Makro-Fans angesprochen fühlen. Aber nicht nur die! Alle Aufnahmen, die nah ans Motiv heranrücken und dabei vielleicht neue Perspektiven eröffnen, gehören dazu.
Meine Auswahl ist hauptsächlich im Tierreich angesiedelt. Von gaaanz nah dran bis nicht mehr ganz so nah sind dies meine Fotos für die Ausstellung, die, neben gut 50 weiteren Bildern, ab dem 02. Februar (bis zum 26.) in der Sparkasse Lörrach zu sehen sind.
Der Schwarzfleckige Zangenbock in der Nähe des Gislifluh im Jurapark war eine schöne Zufallsbegegnung. Er blieb freundlicherweise in seiner hochbeinigen Position so lange auf dem Baumstumpf sitzen, dass ich sogar eine kleine Stack-Serie aufnehmen konnte.
Schnaken kennen wir eher als die nervigen Viecher, die in der warmen Jahreszeit an unseren Fensterscheiben auf- und abschwirren. Im Frühjahr sind aber auch zahllose Schnaken in unseren Wiesen unterwegs. Während sie am Tag extrem zappelig sind, geben sie am Abend mit den letzten Sonnenstrahlen endlich Ruhe und lassen sich ganz gut ablichten.
Der Kegelige Helmling ist nur wenige Zentimeter groß und leicht zu übersehen. Zum Glück haben Pilze keine Fluchtdistanz, so dass ich mit der Taschenlampe die Lamellen besser ausleuchten konnte.
Am Gemmipass im Januar 2025 war das fotografische Ziel ja eigentlich der Bartgeier. Der zeigte sich an den zwei Tagen allerdings nur sehr entfernt und hätte bestenfalls zum Thema „Ganz weit weg“ gepasst ☹. Zum Zeitvertreib konnten wir uns aber bestens mit den Alpendohlen beschäftigen. Diese sind nicht ganz so attraktiv, aber die roten Füße im Schnee machen doch was her!
Schaut gerne in der Sparkasse Lörrach vorbei, auch die Bilder der Kollegen lohnen sich!
Vielleicht ist es schon wieder zu vermenschlichend, einen Vogel als Kobold zu bezeichnen? Anthropomorphisierung ist ja sehr verpönt – und zwar zu Recht, wie ich finde. Aber ich würde einem möglichen Kritiker (oder einer Kritikerin) entgegnen, dass Kobolde meines Wissens ja auch gar keine Menschen sind. Also wäre das höchstens eine Koboldisierung, und die ist vielleicht sogar in Ordnung?
Ach, egal. Ich schweife ab, noch bevor ich überhaupt begonnen habe!
Es geht um die Bartmeise (Panurus biarmicus), einen kleinen Singvögel, der auch in Mitteleuropa vorkommt. Wer das oben gezeigte Foto betrachtet, mag sich vielleicht über den Namen dieses Vögelchen wundern. Wo ist denn da bitte ein Bart?
Hier die Auflösung:
Ganz einfach: Das ist mal wieder einer dieser Fälle, in denen die Wissenschaft (= i.d.R. weiße Männer mit Kitteln an Schreibtischen) einer Tierart einen Namen geben und dabei vom Aussehen der jeweiligen Männchen (Foto 3) ausgehen. Die Weibchen (Foto 1 und 2) sind vermutlich „mitgemeint“. Ist irgendjemanden ein Fall bekannt, wo es mal umgekehrt ist? Mir nicht.
Aber dieses „Politikum“ tut meiner Freude keinen Abbruch, die ich jedesmal empfinde, wenn ich Bartmeisen sehe. Und ich weiß zufällig, dass es nicht nur mir so geht. Bartmeisen sind nämlich allgemein sehr beliebte und gern gesehene Vögel, wenn auch ziemlich seltene. Sie leben ausschließlich in ausgedehnten Schilfröhrichten, wo sie sich je nach Jahreszeit entweder von kleinen Insekten oder von Sämereien ernähren. An ihren Lebensraum sind sie perfekt angepasst und turnen behende zwischen den vielen (oft sehr wackeligen) Halmen hin und her oder fliegen auch mal ein kurzes Stück. Eigentlich immer in Bewegung und von daher alles andere als leicht zu beobachten, geschweige denn zu fotografieren. Zum Glück sind sie ziemlich ruffreudig – ihre charakteristischen „ping-ping“-Rufe erleichtern die Ortung doch erheblich. Dass sie mal so frei sitzen wie der folgende Vogel (im wunderschönen Gebiet an der Arlauer Schleuse in Nordfriesland), das passiert doch reichlich selten.
Ich will die Sache ja nicht unnötig kompliziert machen, aber es muss der Korrektheit halber doch klargestellt werden: Bartmeisen sind gar keine Meisen. Damit ist gemeint, dass sie mit Kohlmeise, Blaumeise, Tannenmeise etc. nicht näher verwandt sind. Sie sehen halt nur so ähnlich aus.
Aus diesem Grund hat sich übrigens im englischen Sprachgebrauch in letzter Zeit der Name „bearded reedling“ anstelle von „bearded tit“ durchgesetzt. Falls mal eine deutsche Entsprechung hierfür gesucht werden sollte – ich fände „Bärtiger Schilfling“ ja einen ganz tollen Namen. Meine Stimme hätte der Vorschlag schon mal!
Aber wie komme ich denn nun eigentlich auf „Kobold“ als Kosebezeichnung für die Bartmeisen? Tja, wie soll ich das nur erklären. Sie sind halt klein und putzig und immer in Bewegung. Und sie treten nie alleine auf, sondern immer zu mehreren, und sie streifen unentwegt im Schwarm durch das Schilf. Es macht einfach so viel Spaß, ihnen zuzuschauen! Man kann sich einfach nicht sattsehen.
Meine letzte Begegnung mit Bartmeisen liegt gerade mal acht Tage zurück – an einem windigen (schlecht), sonnigen (gut) Nachmittag in einem Schutzgebiet im Südosten Englands. Bei Wind schaukeln die Schilfhalme so stark, dass die Vögel sich tendenziell etwas tiefer im Röhricht aufhalten. Aber die Nahrung ist überwiegend oben zu finden, weshalb sie ab und dann doch mal am Halm hochklettern und sich einen Snack holen. Dann heißt es: fix sein und (falls man fotografieren möchte) auf den Autofokus der Kamera vertrauen… Hier hat es mal geklappt.
Es waren nur zwei Vögel (je ein Weibchen und ein Männchen), und die Begegnung war nur kurz. Aber sie hat sehr viel Freude gemacht und wird lange in Erinnerung bleiben. Und manches drollige Detail habe ich erst am heimischen Computerbildschirm entdeckt…
Wenn alles nach Plan geht, werde ich in acht Wochen, also Mitte März, meine nächste Begegnung mit den Schilfkobolden genießen können. Dann bin ich nämlich am Federsee in Oberschwaben unterwegs, wo die Bartmeisen sozusagen zum Inventar gehören und im Normalfall mit großer Zuverlässigkeit beobachtet werden können. Ich freue mich schon drauf!
Auf ein Neues! Das Jahr 2025 ist Geschichte, und nun geht gewissermaßen alles wieder von vorne los.
Leider lösen sich die kleinen und großen Probleme durch den Jahreswechsel nicht einfach so in Luft auf, aber allein der Gedanke daran, dass der ganze private und globale Mist auf dem Weg ins neue Jahr einfach falsch abgebogen und plötzlich verschwunden sein könnte, ist schon verlockend, aber leider auch reine Wunschvorstellung.
Neulich hatte ich eine echt schöne Begegnung mit einem Waldkauz. Er (oder sie?) saß da auf einem abgestorbenen Baumstamm und strahlte eine unglaubliche Ruhe aus. Für einen Moment war ich fast etwas neidisch auf die Eule. Die ganzen Themen, die mich im Alltag fordern und auch überfordern, sind dem Waldkauz höchstwahrscheinlich ziemlich fremd. Da verspürte ich fast den Wunsch, mal mit der Eule tauschen zu dürfen.
Dann müsste ich mir allerdings jeden Tag aufs Neue mein Essen erkämpfen, mich vor Feinden verstecken und immer damit rechnen, dass ich von bauwütigen Menschen aus meinem Zuhause vertrieben werde – auch keine erstrebenswerte Alternative.
Aus dieser Perspektive betrachtet, geht es uns hier doch noch ziemlich gut, und ich möchte weder mit dem Waldkauz, noch mit jemand anderem aus einer anderen Ecke der Welt tauschen.
Aber das Jahr 2025 hat uns aufgezeigt, wie schnell sich Dinge verändern können. Den täglichen Kampf um Nahrung, für Freiheit und gegen Vertreibung führt nicht nur der Waldkauz, sondern diese Themen rücken immer näher auch an uns heran.
Trotz – oder vielleicht auch wegen – dieser düsteren Aussichten wünsche ich euch ein gutes, friedliches und hoffnungsvolles Jahr 2026!
Ich möchte noch einmal auf die Sache mit dem Winter und dem (seltenen) Schnee zurückkommen. (Kleiner Tipp für diejenigen mit schlechtem Gedächtnis: ich meine diesen Post). Gerade Weihnachten ist in unserer Vorstellung ja auf schier unauflösbare Weise mit dem weißen Zeug verknüpft (nein, nicht Kokain). Woher kommt das eigentlich, dieses Bild von der weißen Weihnacht? Vom historischen Vorbild sicher nicht, soviel ist sicher. Etwa auch aus der Marketingabteilung irgendeines Großkonzerns, so wie der Weihnachtsmann mit seiner roten Kutte? Bin gerade zu faul zum Recherchieren…
Ich möchte jedenfalls für eine neue Haltung plädieren. Nicht die, dass man Feste feiern soll, wie sie fallen – das hatten wir bereits, das ist ein alter Hut. Nein, sondern dass man Weihnachten (wenn es denn überhaupt von Bedeutung für einen selbst ist) so nimmt, wie es kommt. Dass man eine Gelassenheit entwickelt und die Dinge auf sich zukommen lässt. Und dass man die Stimmung, die man sich vielleicht wünscht, selber erzeugt und nicht von den meteorologischen Gegebenheiten abhängig macht.
Hintergrund meiner tiefgründigen Überlegungen ist ein Besuch in der Wagbachniederung am Oberrhein vor wenigen Tagen. Das ist ein großes Feuchtgebiet mit viel Schilf, das immer und zu jeder Jahreszeit einen Besuch lohnt.
Ja, und da steht man so und bestaunt die wild raschelnden Schilfhalme im kalten Wind, in denen sich die letzten Strahlen der früh untergehenden Sonne brechen. Und man denkt, warum bitte soll das jetzt nicht weihnachtlich sein? Etwa nur weil kein (Kunst-)Schnee rieselt und kein Glöcklein bimmelt? Weil weit und breit kein Rentierschlitten am Himmel seine Kreise zieht?
Also ich habe meine Antwort hierauf schon gefunden.
In diesem Beitrag möchte ich mal einen anderen Ansatz wagen und nicht über einen bestimmten Ort oder ein Ereignis berichten, sondern mich mit einem Themenkomplex beschäftigen, bei dem man sich fotografisch austoben kann: Gegensätze und Kontraste. Es kann sich hier um farbliche Kontraste handeln, es kann um Formen oder Licht/Schatten-Kontraste gehen, oder natürlich um thematische Gegensätze. Das Schöne dabei: Motive finden sich überall, ob in der Stadt, in der Natur oder im Detail.
Glücklicherweise kann ich hierbei auf eine kleine Auswahl zurückgreifen, da wir dieses Thema im Fotokreis Lörrach im Jahr 2024 zum Jahresthema gekürt hatten. Grüße an die Kollegen an dieser Stelle!
Steigen wir doch da ein, wo wir bereits bei den Monatsbildern im Oktober und November 2025 angefangen hatten: Bei den farblichen Kontrasten.
Die Grundfarben rot, gelb und blau sind hier sehr dankbar wie bei dem Blumenbild vor blauem Himmel.
Das folgende Bild lädt erstmal zum Raten ein: Was ist das? Es ist der Sitzbereich im Foyer des Zentrum Paul Klee in Bern, von oben fotografiert.
Nach den Farben wenden wir uns nun den Formen zu. Da bietet die Architektur schöne Vorlagen, wie am Rotterdamer Bahnhof, wo das abgerundete Vordach scheinbar hinüber zum kantigen Büroturm ragt.
Besonders hübsch sind die gefächerten Wölkchen über dem kantigen Bergmassiv oberhalb von Andermatt.
Dieses Motiv am Strand von Vik auf Island bietet einen schönen Formkontrast der Skulptur, die nur scheinbar auf einem Berg steht, zu den scharfkantigen Felsen vor der Küste. Dies ist aber auch ein passender Übergang zu den Licht/Schatten-Kontrasten. Da gibt es reichlich im Angebot.
Ein Kreuzgang mit Sonneneinstrahlung ist ein schönes Beispiel dafür. In diesem Fall ist es das Kloster Bebenhausen.
Schattenrissbilder wie vom Veitsdom in Prag oder der Blick von der Karlsbrücke sind ebenfalls dankbare Motive, besonders, wenn die Sonne bereits durch die Fenster der Kuppel der Kreuzherrenkirche scheint.
Am spannendsten ist sicher die Auseinandersetzung mit thematischen Gegensätzen und diese in nur einem Bild festzuhalten. Dafür durchstreifen wir einige kleinere und größere Städte.
Die beiden Eingänge eines Reihenhauses in Riegel könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite ein frischer Anstrich und Weihnachtsdeko, auf der anderen Seite Vernachlässigung. Was die Bewohner des rechten Hauses wohl über das Nachbarhaus denken? Wann kümmert sich der Eigentümer endlich darum? Wann stürzt das Dach ein… Es scheint jedenfalls schon länger nicht bewohnt zu sein.
In der Architektur gibt es natürlich zahllose Beispiele zum Thema modern versus alt bzw. traditionell. In Warschau bildet der Kulturpalast – auf Anordnung Stalins in den fünfziger Jahren gebaut – einen krassen Gegensatz zum modernen Gebäude im Hintergrund. Deutlich schicker sind da die Gebäude in der Altstadt Den Haags.
In Doel, dem für Streetart berühmten Geisterdorf bei Antwerpen, sind zwei Formen der Energieerzeugung zu sehen. Eine ist sehr in die Jahre gekommen, die andere je nach Sichtweise auch nicht mehr wirklich zukunftsträchtig. Schade, leider war kein modernes Windkraftwerk in der Nähe!
Eine schöne Bühne für Gegensätze bieten Großstädte mit ihren Graffitiflächen. Eine Straßenbahnhaltestelle mit Meerblick, ein flottes Motorrad, darüber eine Figur mit bunten Engelsflügeln. Fliegen ist vielleicht doch schöner als Motorradfahren? Das Motiv vor der Pariser Oper, verhüllt wegen umfangreichen Renovierungsarbeiten, wirkt selbst wie ein gigantisches Bühnenbild. Davor spielt sich das ganz „reale“ Straßenleben ab.
Wir machen noch einen kleinen Ausflug ins Mittelgebirge. Der Hartmannswillerkopf im Elsass ist ein sehr beeindruckendes Denkmal des 1. Weltkrieges. Das relativ neu gestaltete Museum ist auch sehr sehenswert! Meinen Kontrast habe ich aber auf dem Soldatenfriedhof gefunden. Hunderte Kreuze sind dort gleichmäßig aufgereiht… und ein muslimisches Grab mittendrin.
Zum Ende habe ich noch einen schicken Gegensatz, den jeder frei interpretieren darf. Der Erfurter „Altstadtfrühling“ findet auf dem Domplatz vor dem St. Mariendom und der Severikirche statt und war schon tagsüber ein interessantes Motiv. Am Abend bin ich nochmal vorbeigekommen.
Dies ist nur ein kleiner Streifzug, denn schließlich lässt sich in viele Motive ein Kontrast oder Gegensatz hineininterpretieren. Vielleicht aber fühlt sich der eine oder andere inspiriert und hält beim Fotografieren nach Gegensätzen Ausschau?
Der Volksmund weiß Bescheid: Man soll die Feste feiern, wie sie fallen! Das gilt ganz sicher inzwischen auch für die Jahreszeiten, und ganz besonders für den Winter.
Selbst im Mittelgebirge sollte man nicht allzu viel darauf wetten, dass „er“ kommt – der Schnee, der Frost, der Eindruck klarer Kälte und ruhender Natur. Das lehrt die Erfahrung der letzten fünfzehn, zwanzig Jahre, auch im Schwarzwald.
Aber wenn „er“ dann doch plötzlich da ist, und sei es unerwartet früh (so wie dieses Jahr), dann sollte man schnell handeln. Alles stehen und liegen lassen, warm anziehen, raus aus den vier Wänden, ins Freie! Mit allen Sinnen die besondere Stimmung aufsaugen und genießen.
Das nächste Tauwetter kommt bestimmt, und mit ihm der Matsch, der Schlamm, der Wind, der trübe Himmel.
Dann kann man aber immer noch von einem wunderbaren Wintergefühl zehren, und war es auch noch so kurz.
Goldener Oktober, tolles Wetter, ein fantastischer Blick über eine herbstlich gefärbte Landschaft – kurzum: alles Zutaten für einen stimmungsvollen Morgen mit jeder Menge guter Laune.
Doch dieses Mal funktionierte das nicht – im Gegenteil. Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, denn da vorne, nicht einmal zehn Kilometer von meinem Standort entfernt, verlief die polnisch-ukrainische Grenze.
Knapp vier Wochen liegt meine Reise nach Ostpolen nun zurück, und der Besuch des Tatarenhügels nahe der Stadt Przemyśl gehörte sicherlich zu einem der bewegendsten Momente.
Zu wissen, dass nur ein paar Autominuten entfernt Menschen Angst um ihr Leben, ihre Liebsten und ihre Zukunft haben, während man selbst in Sicherheit ist und sich sogar eine Urlaubsreise gönnt – das ist mir nur schwer aus dem Kopf gegangen und musste ich erst einmal verdauen.
Es war meine zweite Gruppenreise in unser östliches Nachbarland, die auch dieses Mal von Blogkollege Sebastian und seinem Freund Paweł organisiert wurde. Nachdem wir letztes Jahr Warschau und die Nationalparks Biebrza und Białowieża besucht hatten, standen dieses Jahr Krakau und Przemyśl auf dem Programm.
Die ersten Tage in Krakau waren gut gefüllt mit einer Mischung aus Stadtbummel, Sightseeing und Informationen über die Stadt und ihre Geschichte.
Aber: Wenn man als deutsche Gruppe nach Polen reist, dann ist das immer auch eine Reise in die gemeinsame Vergangenheit, und die Themen sind oftmals keine leichte Kost. So hatten wir dieses Mal unter anderem eine beeindruckende Begegnung mit einer Holocaust-Zeitzeugin, welche uns einen Nachmittag lang über das schreckliche Schicksal ihrer Familie erzählte. Nach einem solchen Gespräch kann man nicht einfach zur touristischen Tagesordnung übergehen, deshalb kombinierten wir es mit einem Besuch auf dem jüdischen Friedhof im Stadtteil Kazimierz.
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Knapp drei Zugstunden von Krakau entfernt, im äußersten Südosten Polens, liegt Przemyśl.
Foto: Sebastian Schröder-Esch
Blick aus dem Hotelfenster
Der 60.000 Einwohner zählende Ort liegt nah an der ukrainischen Grenze und ist ca. 90 km von Lwiw (Lemberg) entfernt. Er ist Zielort vieler vor dem Krieg flüchtender Menschen.
Während der polnische Staat an der Grenze zu Belarus mit harter Hand gegen Flüchtlinge vorgeht, hat die Stadt Przemyśl im Gegensatz dazu Tausende Hilfesuchende aus der Ukraine aufgenommen. Eine Ausstellung im Ukrainischen Haus mit Zeichnungen ukrainischer Flüchtlingskinder ließ uns erahnen, welche schrecklichen Dinge diese kleinen Menschen erlebt haben müssen – auch wenn ich den Text dazu nicht lesen konnte.
Aber auch hier (wie auch in vielen anderen Staaten) kippt die Stimmung in der Bevölkerung, und die Bereitschaft, Geflüchteten zu helfen, nimmt immer mehr ab.
Wenn es nur so einfach wäre…
Weitere Beiträge von Sebastian und mir aus Polen findet ihr hier.
November – der Herbst geht so langsam in den Winter über. Nun ja, vielleicht nicht unbedingt im südbadischen Flachland, aber im Oberengadin auf 1800 Metern über dem Meer war es letzte Woche bereits so weit. Die warmen Herbstfarben waren noch präsent durch die gelb leuchtenden Lärchen, aber über Nacht fiel bereits eine hauchzarte Schicht Schnee, die zumindest auf dem felsigen Untergrund liegenblieb. Dieser Übergang von warmen zu kalten Farben macht das Besondere des Fotos aus, übrigens ganz ähnlich wie beim letzten Monatsfoto von Sebastian.
Mit dem Weitwinkelobjektiv sieht man die gesamte Umgebung mit dem Silsersee im Vordergrund und dem bereits von der Sonne beschienenen, 3170 Meter hohen Piz Lagrev im Hintergrund. Das Monatsfoto ist ein kleiner Ausschnitt an der rechten Bergflanke.
Genauer gesagt: Sebastians Besuch bei den „Murmeli“ von Saas-Fee im Sommer des vergangenen Jahres, die ihm (also mir) unmittelbar Lust auf eine Wiederholung machten. Schließlich kann man nie genug Murmeltiere aus der Nähe sehen, das ist eine klassische Binsenweisheit. Also trommelte er/ich ein Grüppchen Leute zusammen, und wir fuhren an einem Juli-Wochenende ins schöne Wallis. Die Sorge vor zu großer Hitze erwies sich als komplett unbegründet – auf über 2.400m Höhe konnte man schon froh sein, dass der Niederschlag in flüssiger Form vom Himmel kam und nicht als Schnee… Aber wir wollen uns nicht beklagen.
Zum Glück sind Murmeli recht kälteresistent, und so waren uns zweibeinigen Besuchern großartige Begegnungen vergönnt.
Ich (Henning) kann Sebastian nur beipflichten, von Begegnungen mit Murmeltieren kann man tatsächlich nicht genug bekommen. Bisherige fotografische Annäherungen meinerseits waren bisher mit „ganz nett“ zu bewerten. Wir waren sehr gespannt: würden wir den Tieren wirklich so nahe kommen, wie von Sebastian angekündigt? Und wieviele Mitmenschen hätten das gleiche Ziel? Gleich vorab: es war großartig! Ob Porträtfotos oder mit Einbindung von Landschaft, ob ruhige Momente oder knallharte Action – alles war geboten.
Eine erste Annäherung konnten wir bereits nach wenigen Gehminuten außerhalb des Ortes erleben. Einige Tiere zeigten sich, naschten unsere mitgebrachten Erdnüsse und posierten vor ihren Bauten. Noch mehr begeisterte Touristen wie wir versammelten sich drumherum. Ein schöner Auftakt mit ein paar gelungenen Porträtfotos, aber das Mengenverhältnis Mensch/Tier war nicht ideal…
Also: nichts wie rauf zur Bergstation Spielboden, ganz bequem mit der Bahn. Gestärkt nach einem Mittagessen konnten wir etwas abseits zunächst eine Gruppe Steinböcke beobachten. Dazu später mehr. Letztlich war dies eine ideale Überbrückung zum späteren Nachmittag, bis sich die anderen Besucher nach und nach auf den Rückweg machten. Nachdem die letzte Bahn zu Tal gefahren war, stimmte so langsam auch das Verhältnis Tier/Mensch und wir hatten nun perfekte Bedingungen zum Fotografieren.
Meine absoluter Lieblingsszene, die ich beobachten durfte, waren zwei Jungtiere, die vor meinen Augen einen Ringkampf ausfochten. Das Ganze war in wenigen Augenblicken wieder vorbei, aber zum Glück konnte ich den Moment festhalten!
Während Henning ein gutes Auge für die Actionszenen hatte, saß ich (jetzt: Stefanie) gemütlich auf einer Wiese und beobachtete das Treiben der Murmeltiere. Rein in den Bau, raus aus dem Bau – überall wuselten die Murmeli um mich herum. Bei der Suche nach Möhren und Erdnüssen kamen sie immer näher. Kurz hatte ich überlegt, eines zu streicheln, aber die großen gelben Zähne und die Tatsache, dass es sich um Wildtiere handelt, hielten mich dann doch davon ab.
Eine Frage sei nicht verschwiegen, die so manches unserer Gespräche bestimmt hat: Was ist vom Füttern von Wildtieren zu halten? Oder anders gefragt: Sind diese Murmeli überhaupt noch als Wildtiere anzusehen, wenn sie doch derart gewöhnt („habituiert“) sind an die Anwesenheit des Menschen und seiner Erdnuss-Vorräte?
Wir glauben nicht, dass man hier zu einer abschließenden, allgemeingültigen Haltung gelangen kann, und wenn man noch so lang reflektiert und diskutiert. Tatsache ist, dass die Tiere augenscheinlich kerngesund sind und sich auch artgerecht verhalten – vor Greifvögeln am Himmel wird gewarnt, ebenso vor Hunden (insbesondere den nicht angeleinten), und es wird ausgiebig an den rund um die Baue wachsenden Kräutern geschnuppert und genascht. Nur eben faktisch ohne Scheu vor uns Menschen.
Soviel zu den Säugetieren OHNE Hörner. Denn es gab noch ein Bonus-Programm: Als wären wir nicht schon ausreichend bedient mit den großartigen Fellsäckchen auf dem Spielboden, zeigten sich plötzlich mehrere männliche Steinböcke. Man hatte schon mal irgendwo aufgeschnappt, dass sich diese zu sogenannten „Junggesellenherden“ zusammenschließen. Aber einen solchen Trupp aus nächster Nähe bewundern zu dürfen, das ist noch mal eine ganz andere Sache. Dass die ganz alten Böcke hier nicht dabei sind, sondern lieber ihrer eigenen Wege gehen – geschenkt. Wir waren jedenfalls fasziniert durch den Anblick dieser imposanten und kein bisschen menschenscheuen Bergziegen.
Solche Überraschungen liebe ich (jetzt: Henning) ! Die Murmelis waren ja sozusagen „safe“ – der Anblick praktisch garantiert. Die Steinböcke haben wir nicht erwartet – und schon gar nicht in der Anzahl!
Wirklich schön auch, dass sich die Tiere uns genähert haben und sozusagen freiwillig unseren fotografischen Eifer über sich ergehen ließen.
Ein besonderer Moment war, als sich zwei Tiere ein kurzes Gefecht lieferten. Erst richteten sie sich auf, standen sich praktisch bewegungslos gegenüber, dann ließen sie die Hörner aneinanderknallen. Meine Position war nicht optimal zu dem Zeitpunkt, der Kontrast zur dahinterliegenden Felswand zu gering, aber Hauptsache, wir durften diesem Spektakel beiwohnen!
Auch ich (Stefanie) hatte noch nie eine solche Steinbockherde gesehen und war genauso beeindruckt wie Sebastian und Henning. Wir drei versteckten uns gemeinsam hinter einem Stein, um die Tiere möglichst wenig zu stören, aber trotzdem nah dran zu sein.
von links nach rechts: Henning, Sebastian, Stefanie (Foto: Christiane)
Die Tiere standen nur wenige Meter von der Bergstation entfernt in einer Landschaft, die von Leitungen, Seilbahnstützen und Absperrzäunen durchzogen ist. Der Blick ins Tal ist ebenfalls von menschlichen Einflüssen geprägt, was ich als einen interessanten Kontrast zur Bergwelt auf fast 2500m Höhe empfand.
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Derartige Begegnungen in nächster Nähe lassen einen doch glatt das ungastliche Wetter vergessen. Und die Aussicht auf einen steilen Abstieg zurück ins Dorf.
Übrigens gab es während unserer Wanderung auch gefiederte Wesen zu bestaunen. Zugegeben, sie waren nicht ganz im Fokus unseres Ausflugs in die Bergwelt von Saas-Fee, aber wenn sie schon mal da sind…
Alpenbraunellen (die etwas größeren Verwandten unserer Heckenbraunellen) sieht man schließlich auch nicht alle Tage, schon gar nicht außerhalb der Alpen, und erst recht keine gerade flüggen Jungvögel!
Etwas erschöpft wirkt er, der Altvogel zur Linken. Kein Wunder, wird er doch von der jungen Brut tagein, tagaus pausenlos angebettelt. Aber wenn die Pflicht ruft, zieht man halt nochmal los und organisiert Futter für den gierigen Nachwuchs.
Wohl bekomm’s!
Wie man sieht, war uns ein prall gefüllter (wenn auch wenig sommerlicher) und vor allem tierreicher Ausflug in die Walliser Alpen vergönnt, der keine Wünsche unerfüllt ließ. So war es gedacht, und so macht es Lust auf eine Fortsetzung.
Wer kommt beim nächsten Mal mit?
16. Oktober 2025 Henning Hefner, Stefanie Röschke, Sebastian Schröder-Esch