sogesehen – Monatsfoto August

„Du Lauch!“

Wenn ich richtig informiert bin, ist das unter jungen Menschen heutzutage (also mindestens 1-2 Generationen unter mir) eine Beschimpfung. Nicht so bei Heuschrecken!

Tatsächlich ist die hier abgebildete Lauchschrecke (Mecostethus parapleurus) eine meiner Lieblingsheuschrecken in unseren Breitengraden. Der Name ist Programm: man bewundere nur das satte Hellgrün ihres Körpers. Dazu dieser schicke, lange, dunkle Streif an den Seiten; ja, und natürlich die langen Flügel, mit denen sie tatsächlich auch sehr gut fliegen kann. (Ich weiß, wovon ich spreche: Allermeistens entwischt sie mir in die Lüfte, bevor ich sie mal zu fassen kriege).

Dieses schöne Tier hier ist mir an einem Sommerabend in einer Wiese im Rheintal begegnet. Da gehört sie auch hin, bei Wärme und etwas Feuchtigkeit fühlt sie sich am wohlsten. Allerdings trifft man sie in den letzten Jahren auch im Schwarzwald in immer höheren Lagen an – sie ist eindeutig eine Profiteurin der stetigen Klimaerwärmung.

So, jetzt wisst Ihr Bescheid. Und wenn Ihr das nächste Mal jemandem ein Kompliment über das Aussehen machen wollt, sagt Ihr einfach: „Du Lauchschrecke!“

Immer dieser eine Ast

Als Fotograf hat man ja immer wieder so seine kleinen Probleme, die es zu überwinden gilt. Also je nach Motiv natürlich. Da ist z.B. das Licht. Es gibt tolles, bezauberndes Licht. Miserables Licht. Wenig Licht. Mattes Licht. Kein Licht – und so weiter und so fort. Man könnte die Liste immer weiter fortführen und käme doch auf keinen grünen Zweig.

Apropos Zweig. Da gibt es einen in meinem Fotografenleben, der verfolgt mich schon, seit ich diesem schönen Hobby verfallen bin. Nun, es ist nicht wirklich ein Zweig, sondern eher sein größerer Bruder, ein Ast.

Dieser Ast ist es, der mich manchmal jauchzen lässt oder zur Verzweiflung treibt. Denn, man mag es kaum glauben, er ist launisch wie das Wetter im April. Dann und wann, wenn er seine gute Seite zeigt, läßt er ein Vögelein oder gar ein schönes Insekt auf ihm posieren, sodass mein Fotografenherz höher schlägt und ich mit der Kamera das ein oder andere hübsche Foto schiessen kann.

Und dann gibt es die Tage, da will er mich ärgern. Sobald ich ein tolles Motiv vor der Linse habe, ist Er da. Mitten im Bild. Nicht wegzubewegen und stur wie ein Alter Maulesel. Mitunter macht er das aber auch in aller Heimlichkeit, sodass es mir erst auffällt, wenn es zu spät ist.

Ja, dieser Weggefährte hat es in sich. Entweder freut man sich über ihn, oder er treibt einen zur Weißglut, und glaubt mir:

Es ist immer dieser Eine Ast!

Rundflug wider Willen

Die Vogesen sind ein tolles Mittelgebirge. Dem nahen Schwarzwald ähneln sie in einiger Hinsicht, haben aber doch auch ihren eigenen Charakter, sind rauher und muten ursprünglicher an. Einen Ausflug sind sie immer wert, und man kann sich auf intensive Erlebnisse freuen.

Wobei: „freuen“ ist ein Begriff, bei dem es auf die jeweilige Perspektive ankommt. Er trifft vielleicht nicht immer ganz zu. Jedenfalls nicht, wenn man eine Heuschrecke ist.

Lasst mich das kurz an einem Beispiel erläutern:

Die Turmfalken-Familie mit den flüggen Jungvögeln liebt das Spiel mit dem Wind rund um den Hohneck in den Hochvogesen. Ständig lassen sich die Falken auf und ab treiben, unternehmen rasante Sturzflüge über den Felsen, jagen sich spielerisch hinterher.

Die viele Bewegung an der frischen Luft – davon wird man irgendwann ganz schön hungrig. Wie gut, dass da unten am Hang eine Wiese voller gut genährter Wanstschrecken ist.

Tja, was nun folgt, ist eine Begegnung der unerfreulichen Art aus Sicht der Wanstschrecke (Polysarcus denticauda). Wie ihr Name schon vermuten lässt, ist sie nämlich nicht der Flinksten eine, sondern sitzt ganz gerne mal reglos in der Feuchtwiese. Leichte Beute für einen hungrigen Turmfalken mit dem sprichwörtlichen scharfen Blick und der Fähigkeit zu blitzartigen, wendigen Flugmanövern.

Die Wanstschrecke (übrigens ein Weibchen, wie man am langen Legebohrer erkennt) wird hoch in die Lüfte gehoben und noch im Flug verspeist. Da bleibt keine Zeit, um noch einen letzten Blick auf das beeindruckende Bergpanorama der Vogesen zu werfen.

So hat sie sich diesen Sommertag in den Vogesen sicher nicht vorgestellt. Die Turmfalken jagen weiter.

27. Juli 2024
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)

Ein Handschuh für den Fuchs

Dann ist (endlich) Sommer.

Wenn nämlich der Fingerhut im Hochschwarzwald blüht. Eine Pflanze, an der ich mich nicht sattsehen kann, und zwar ganz gleich in welcher Farbvariante – rot, weiß oder gelb.

Digitalis purpurea ist giftig, das ist wohl allgemein bekannt, aber für das Auge ein Hochgenuss und ganz sicher bedenkenlos in großen Mengen konsumierbar.

Doch was hat es mit dem Fuchs und dem Handschuh zu tun?

In England sieht man hier einen Zusammenhang, weshalb der Fingerhut dortzulande „Fox glove“ genannt wird. Seit ich dies das erste Mal gehört habe, erscheint mir die Pflanze noch vornehmer als ohnehin schon (und Füchse auch).

.

Ich möchte mich hier auf die Wiedergabe von Aufnahmen einzelner Fingerhut-Pflanzen beschränken, die vergangene Woche den Rand meines abendlichen Spazierwegs im Hochschwarzwald säumten. Selbstverständlich trifft man sie auch häufig in größeren Gruppen an, aber das ist eine andere Geschichte.

Na gut, ein Paar hätte ich noch zu bieten – weil sie so harmonisch dastehen inmitten der Farne und Brennesseln. Üppige Pracht auf der Waldlichtung.

.

Warum alle von mir fotografierten Pflanzen gleichermaßen nach rechts geneigt sind? Ich weiß es nicht.

Wie dem auch sei: Eigentlich müsste man jetzt täglich hinaus streben und die Natur bei ihrem unbändigen Wachsen und Werden beobachten – und bei ihrem Vergehen natürlich genauso. Ich nehme mir das hiermit fest vor.

Vielleicht überkommt es mich auch demnächst, und ich lade ein zu einem gemeinsamen Hochschwarzwald-Spaziergang im Zeichen des Fingerhuts. Wer kommt mit?

17. Juli 2024
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)

sogesehen – Monatsfoto Juli

„Ein Gesicht, wie es nur eine Mutter (oder ein Vater) lieben kann.“ Selten war dieser etwas gemeine Spruch so zutreffend wie bei der kleinen Blessralle, die ich Mitte Juni an einem Weiher im Hochschwarzwald antraf. Aber die elterliche Liebe (oder sagen wir, etwas weniger vermenschlichend: der elterliche Instinkt) seitens des Altvogels war doch immerhin groß genug, um den ästhetischen Aspekt der Situation auszublenden und diesem stachelig-haarigen Etwas einen mundgerechten Happen Grünzeug zu überreichen.

Vor wenigen Tagen bin ich nochmals an demselben Gewässer gewesen und konnte mich von der fortwährenden Anwesenheit der jungen Blessralle, seiner beiden Eltern und den drei Geschwistern überzeugen – wenn auch deutlich herangewachsen und mit weniger punkigem Look. Ich bin sicher, würde ich mich morgen (am 1. Juli) dort hinbegeben, wären sie noch immer da. Also habe ich alle Berechtigung, die hier gezeigte Aufnahme aufs Podest namens „Monatsfoto“ für den Juli zu heben.

Ich wünsche allen hier Mit-Lesenden viel Gelegenheit in den kommenden vier Wochen, ins Freie zu gehen, nach Draußen, in die Natur, und Zeuge des prallen Lebens dort zu werden. Es ist großartig, wie alles grünt und blüht (dem vielen Regen sei Dank), und wieviel Vitalität man aus nächster Nähe erleben kann. Das ist nicht nur eine Quelle von Energie für einen selber, sondern auch eine willkommene Ablenkung von wenig ersprießlichen Geschehnissen auf anderen Gebieten. Mehr brauche ich wohl nicht zu schreiben, denn wir sind schließlich ein im wesentlichen unpolitischer Blog.

30. Juni 2024
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)


PS: Es steht noch die Fortsetzung meiner einst großspurig angekündigten Reihe „Süße Tierkinder“ an (Teil 1 ist hier zu finden). Wie wäre es mit kleinen Blessrallen…?

Im Garten der Fantasie

Ein Geburtstag steht an und Blumen als Geschenk sind doch immer eine tolle Idee!
Aber es sollten schon besondere Blumen sein und nicht nur ein 0815-Blumenstrauß. Warum nicht gleich einen ganzen Blumengarten?

Die VHS Rheinfelden feiert ihren 60. Geburtstag und 21 Fotografinnen und Fotografen, unter der Regie der Fotodozentin Petra Böttcher, schenken zum Jubiläum einen Garten der Fantasie. 

Wessen Fantasie? Die Fantasie der Fotografierenden, sowie die der Betrachtenden.
Vorgabe: Anders als gedacht, überraschen, keine Blumenkatalog- oder Postkartenbilder!“ 

Juliane Vier aus Freiburg

Das waren unsere Vorgaben, als wir im Januar 2024 im Rahmen mehrerer VHS- Kurse in das Projekt gestartet sind.
Vier Monate lang haben wir in vier parallel laufenden Kursen sämtliche fotografischen Register gezogen, um die oft belächelte „Blümchenfotografie“ auf neue, kreative und überraschende Weise umzusetzen. Je länger die Kurse dauerten, desto verrückter wurden unsere Ideen und die technischen und digitalen Raffinessen immer ausgefeilter. 

Inge Berger aus Holzen

Am Ende wählte dann Petra Böttcher die 60 Fotos für die Ausstellung (und diesen Blogbeitrag) aus und wir Teilnehmenden wissen nicht, ob überhaupt und welche unserer Bilder ab dem 11.06.24 in der Ausstellung hängen werden.

Stefanie Röschke aus Zell i.W.

Wir sind schon sehr gespannt und hoffen, auch eure Neugier geweckt zu haben!

Unser Garten der Fantasie in der VHS Rheinfelden öffnet am 11.06.24 um 19.00 Uhr (Vernissage) und schließt am 26.07.24.

Wir freuen uns auf euren Besuch! 

Titelfoto: Susanne Kirschnek aus Freiburg

sogesehen – Monatsfoto Juni 2024

Klatschmohn

Klatschmohn hört man niemals klatschen,
denn er ist gerüchtefrei,
Klatschmohn muss nicht groß bequatschen,
dass der andre dämlich sei.
 
Klatschmohn hört man niemals klagen
über das, was ihm passiert,
nie im Jammerton sich fragen,
wann das Leben besser wird.
 
Klatschmohn gibt’s, der zwischen Trümmern
karg auf Schutt und Asche wächst,
um sich nur darum zu kümmern,
dass er rote Farbe kleckst.

© Jörn Heller

Vielen Dank, lieber Jörn Heller (aus: Reim und raus, JHV, 2022) für die freundliche Genehmigung, Ihr sehr gekonnt aufs Wesentliche reduzierte Gedicht hier im sogesehen.blog zu veröffentlichen!

Wasser marsch

Ich liebe ja Wasser und Grün. Schön ist es, beides zu haben, und beides findet man im Schwarzwald. Doch was ist, wenn zu beidem noch eine andere Farbe dazukommt? Geht nicht? Doch! Geht, und zwar sehr imposant.

Im Moment bremsen mich meine Bandscheiben massiv aus. Da muss man Tage, an denen die Bremsen etwas gelöst sind, ausnutzen. So haben meine bessere Hälfte und ich beschlossen, an eben so einem Tag unsere Wanderschuhe zu schnüren und den Nordschwarzwald unsicher zu machen. Die Kamera durfte natürlich nicht fehlen.

Einen ganz besonderen Ort haben wir uns dafür ausgesucht – einen Wasserfall, der umrahmt wird von blühendem Rhododendron. Jetzt im Frühjahr zeigt sich dort ein Farbenspiel, das seinesgleichen sucht.

Von uns aus eine Stunde mit dem Auto, liegt der Wasserfall in einem kleinen Tal des Grobbaches bei Geroldsau. Schon zu Anfang des Weges empfängt einen eine Farbenpracht, die einen von den Socken haut. Überall in dem kleinen Tal blüht der Rhododendron. Wir waren begeistert. Früh morgens begegnet man dort so gut wie niemandem, sodass man ungestört genießen kann. Aber seht doch einfach selbst.

Wäre ich mir nicht sicher gewesen, dass wir im Schwarzwald sind, man hätte meinen können, wir wären irgendwo an einem zauberhaften Ort außerhalb von Deutschland. Fast wie im Regenwald. Wir waren begeistert. Ein echter Lieblingsort. Ich war dort sicher nicht zum letzten Mal.

Zum Glück habe ich folgende Warnung erst am Schluss gesehen, sonst hätte ich wahrscheinlich noch umgedreht. 🙂

Nun zuhause und schreibenderweise auf dem Sofa bin ich froh, nicht umgedreht zu haben, denn das hätte ich zutiefst bereut. 🙂

Habt alle einen schönen Tag und lasst es euch gut gehen. Bis demnächst mal wieder.

Verirrte Eisheilige?

Mit dem heutigen Gedenktag der heiligen Sophia enden die Eisheiligen, die uns gewöhnlich in der Zeit zwischen dem 11. und dem 15. Mai nochmal ein paar Nachtfröste bescheren. Doch heute ist es fast schon sommerlich warm.

Vielleicht waren sie ja auf Besuch beim heiligen Cajus und seinen Glaubensschwestern und -brüdern: Am 22. April, dem Gedenktag des heiligen Cajus durfte ich bei einer Wanderung am Nonnenmattweiher die beeindruckenden Ergebnisse ihrer Zusammenkunft bestaunen:

Die Frühlingsboten hatten schon ganze Arbeit geleistet und überall kamen zarte Blätter und erste Blüten heraus. Und dann kam nochmal eine richtige Portion Schnee, die den Lebensmut des zarten Grüns auf eine ziemlich harte Probe gestellt hat.

Die Badesaison war noch nicht eröffnet, und auch die kleine Maus hat sich den Tag vielleicht ein bißchen anders vorgestellt.

Mein Vorteil war: Ich war fast alleine an diesem wunderbaren Ort. So hatte ich viel Ruhe, um zu schauen und mich in die verschiedenen Blickwinkel zu vertiefen.
Und ich kann nicht am Wasser sein, ohne die Faszination der Spiegelung zu zelebrieren:

Auch aus anderen Blickwinkeln ist dieser kleine See sehr reizvoll…

Und ein paar Tage später bei St. Peter zeigte sich, daß der Frühling trotz erschwerter Bedingungen den längeren Atem hat …

Europa

Sie wirken wie Relikte aus vergangenen Zeiten: die bunten Wahlplakate für die kommende Europawahl am 9.Juni 2024. Das große Kleben hat begonnen und mit leuchtenden Farben, Porträts der Politprominenz und kurzen, knackigen Slogans wird um unsere Stimme geworben.
Die Wahlen zum Europäischen Parlament fallen in eine schwierige Zeit. Reformstau, Uneinigkeit, Rezession, wachsender Nationalismus und die russische Bedrohung an der EU-Außengrenze – das Bild der EU zeichnet sich düster und die Herausforderungen sind riesig. Leider tritt in diesem ganzen Schlamassel der europäische Gedanke und die Bedeutung der Gemeinschaft in den Hintergrund.

Szenenwechsel:
Dieses Jahr Anfang März in einer Kleinstadt im Osten Polens (Titelbild) : 
Während einer Autofahrt zum Biebrza-Nationalpark bleibt mein Blick an einer Gruppe von Menschen hängen, die sich auf der Gegenfahrbahn auf uns zu bewegt. Zuerst halte ich sie für Wanderer, doch als sie näher kommen, höre ich gleichförmige Schritte auf dem Asphalt, und aus den Wanderern werden Soldaten, die mit ernster Miene dicht an unserem Auto vorbeimarschieren.

Ich bin in der Ära des Kalten Krieges aufgewachsen, einer Zeit, die geprägt war von der Angst vor einem Atomkrieg und der Unsicherheit über die Zukunft. Die Begegnung mit den Soldaten nahe der weißrussischen Grenze hat mir wieder vor Augen geführt, wie wichtig der Zusammenhalt der europäischen Länder für unsere Sicherheit ist. Der Gedanke, dass diese polnischen Soldaten und Soldatinnen im Ernstfall unsere Freiheit und Sicherheit verteidigen müssen und im schlimmsten Fall sogar ihr Leben dafür geben, lässt mich nicht mehr los. Gerade im Hinblick auf die Gräueltaten der Deutschen in Polen während des Zweiten Weltkrieges wird deutlich, welch unglaubliche Entwicklung unser Kontinent in den letzten Jahrzehnten genommen hat.

Jedes Land für sich wird keines der großen globalen Probleme alleine lösen können, auch wenn das manche Parteien vollmundig versprechen. Wir brauchen diesen Zusammenschluss der Länder, denn ein zunehmender Nationalismus wird alles nur noch schlimmer machen.
Die EU als Institution macht es uns oft nicht leicht, sie zu verstehen, und es gelingt ihr nur selten, unsere Herzen zu gewinnen. Auch die Parteien haben ihren Anteil daran, dass viele Menschen unentschlossen sind, wo und ob sie überhaupt am 9. Juni ihr Kreuz machen sollen.

Ich denke, Europa sollte es uns wert sein, zur Wahl zu gehen und den demokratischen Parteien eine Stimme zu geben!