Von Peipsi, Pusi und von Zwiebeln

Wenn man von Südbaden aus (z.B. von Freiburg) kontinuierlich in Richtung Nordosten fährt, dann streift man zunächst Dresden, umfährt Kaliningrad, durchquert Litauen und Lettland, überquert die Grenze zu Estland und landet schließlich an einem großen See direkt an der russischen Grenze. (Wenn Ihr im Finnischen Meerbusen oder in Sankt Petersburg gelandet seid, habt Ihr das Ziel nur knapp verfehlt 😉 )

Der riesige Peipsi-See (im deutschen auch Peipus-See genannt) ist der sechstgrößte See Europas und etwa siebenmal so groß wie der Bodensee. Durch ihn verläuft die estnisch-russische Staatsgrenze, und er ist somit auch Teil der EU-Außengrenze.

Dass es mich innerhalb von 15 Monaten gleich zweimal nach Estland verschlagen hat, habe ich Blogkollege Sebastian und unserer gemeinsamen estnischen Freundin Kerli zu verdanken. Sebastian und ich hatten Kerli auf unserer letzten Estlandreise (siehe Artikel „Kaltland“) kennengelernt, und nun organisierten die beiden eine einwöchige Gruppenreise durch Estland und seine bewegte Geschichte.

Der See war eines der Ziele der Reise, und unsere Unterkunft dort war ein ehemaliges Fischerhaus in der Nähe des Dorfes Pusi.

Unsere Unterkunft

Das Haus war eher im Jugendherbergsstil und die kleinen Zimmer hatten weder Fenster noch Türen. Ich fand diese „Kojen“ aber sehr gemütlich, wie überhaupt das ganze Haus einschließlich unserer Gastgeber eine etwas aus der Zeit gefallene Gemütlichkeit ausstrahlten. Wir wurden mit selbstgekochter Fischsuppe verwöhnt, entspannten uns in der holzbeheizten Sauna mit anschließendem Bad im See und sangen estnische Volkslieder.

Aber die Reise hatte auch zum Ziel, uns Land und Leute näher zu bringen. Nachdem wir in Tallinn viel über die bewegte Vergangenheit und die aktuellen Probleme Estlands erfahren haben (was einen eigenen Beitrag wert wäre), lernten wir mit dem Fahrrad entlang der Zwiebelroute eine ganz andere Seite des Landes kennen.

Das Leben und die Häuser entlang der Zwiebelroute scheinen wie aus der Zeit gefallen zu sein. Hier leben die Altgläubigen. Glaubensflüchtlinge, die sich im 17. Jahrhundert den Veränderungen in der russisch-orthodoxen Kirche widersetzten und in Estland Zuflucht fanden. Die Altgläubigen von heute halten ihre Kultur hoch, und das Symbol ihrer Esskultur ist die Zwiebel, die an den Ufern des Peipsi-Sees in Hülle und Fülle angebaut wird.

Wir mit unseren knallgelben Fahrrädern waren für die Einheimischen sicher auch kein alltäglicher Anblick, besonders als wir unsere Flotte vor dem örtlichen Supermarkt parkten.

Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Beitrag eine neue Facette Estlands zeigen. Dieses nördlichste Land im Baltikum, mit gerade mal 1,3 Millionen Einwohnern, überrascht mit einer tollen Natur, modernen Großstädten und traditionsbewussten Dörfern. Die geografische Nähe zu Russland und der hohe Anteil russischsprachiger Esten bringen ihre eigenen Konflikte mit sich.

Einen interessanten Beitrag aus Sebastians Feder, der dieses Thema streift, findet ihr hier und ich bin mir sicher, dass dies nicht unser letzter Beitrag zu dieser Reise sein wird. Alle unsere bisherigen Beiträge zu Estland könnt ihr gerne hier nachlesen.

Liebe Grüße und bis bald! Parimad tervitused ja varsti kohtumiseni

17. September 2023
Stefanie Röschke
(www.stefanieroeschke.de)

1049 m.ü.M

Jede Entscheidung für eine Lösung ist gleichzeitig auch eine Entscheidung gegen alle anderen möglichen Lösungen.

Ich persönlich finde es tröstlich, zu wissen, daß es im Regelfall keine Lösung gibt, die nur Vorteile hat und keine Nachteile mit sich bringt. Also darf ich verantwortungsvoll, aber frei nach meinen persönlichen Vorlieben und Werten entscheiden, welche Vorteile mir wichtig sind. Und dann die damit verbundenen Nachteile anschauen und entscheiden, ob ich bereit bin, diese für die gewonnenen Vorteile in Kauf zu nehmen.

So auch hier:

Natürlich fehlen die Farben. Das erscheint erst mal als Nachteil. Doch der Vorteil, daß der grafische Teil des Bildes deutlich stärker in den Vordergund tritt, lohnt bei manchem Bild durchaus den Verzicht auf die Farbe.

P.S: Habt Ihr das unglückliche Gespenst in der Bildergalerie gefunden?
Es ist allerdings ziemlich scheu und hat Angst vor Handys. Am Rechner könnt Ihr die Bilder anklicken, dann sind sie groß genug, um auch ein unglückliches Gespenst zu entdecken 😉

Furchtlose Geschwister

Wir spazieren auf dem Küstenpfad in Richtung der Landzunge. Die frühe Abendsonne taucht die estnische Ostseelandschaft in ein mildes, weiches Licht. Der Rest der Gruppe ist schon einige Meter voraus, ich hänge wie gewöhnlich hinterher. Da sehe ich, dass alle an einer bestimmten Stelle stehen geblieben sind und wie gebannt auf den Schilfstreifen neben unserem Pfad schauen und zeigen. „Komm schnell, da sitzen kleine braune Vögel ganz nah!“

Potzblitz, da sitzen sie tatsächlich: zwei junge Schilfrohrsänger am Rande des Röhrichts, ein dritter Jungvogel ganz in der Nähe. Völlig furchtlos! Hocken da auf ihrem Halm, schauen hierhin, mal dorthin (wer beobachtet hier eigentlich wen?), putzen sich. Ab und zu kommt ein vorsichtiger Altvogel aus dem Dickicht des Schilfs in die Nähe und bringt Futter.

Die Szene rührt alle an. Wie kann man so wenig Angst haben vor uns Menschen, den gefährlichsten Tieren von allen? Woher diese Arglosigkeit, dieses Zutrauen, das scheinbare Fehlen von jeglichem Fluchtimpuls? Liegt es daran, dass sie noch keine schlechten Erfahrungen gemacht haben? Oder dass sie die Nähe der Geschwister als Versicherung empfinden?

Vielleicht genießen sie auch einfach vor allem die wärmenden Strahlen der Abendsonne. Und verlassen sich darauf, dass wir das zwischen ihnen und uns liegende Brennnesseldickicht schon nicht überwinden werden.

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Der Zauber dieses unbeschwerten Augenblicks, er stimmt auch nachdenklich: Könnte alles vielleicht auch ganz einfach sein?

6. September 2023
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)

sogesehen – Monatsfoto September 2023

Urlaub ist geschenkte Zeit. Zeit, die ich gerne nutze, um einfach nur zu schauen. Und so auch ganz alltägliche Dinge nochmal neu zu sehen.

Zum Beispiel eine Abtrennung und eine Tränke in einem alten Kuhstall.
Ziemlich dunkel ist es. Durch die offene Tür fällt ein wenig Licht. Ein bißchen Heu liegt noch herum.

Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Oder, für Fotografen kurz zusammengefasst: Low Key im Kuhstall

Nachtrag am Freitag Abend:
Als Gott mehr als einen Menschen erschuf, hatte er/sie meines Erachtens nicht das Ziel, daß sie einander unterdrücken, ausbeuten oder sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Ich hoffe zumindest, daß sie/er sich wünschte, daß sie einander unterstützen und sich mit ihren verschiedenen Ideen, Sichtweisen, Fähigkeiten und Erfahrungen gegnseitig inspirieren und weiterbringen.
In diesem Sinne vielen Dank, Uli, für die nette Anregung in Deinem Kommentar heute! Gerne habe ich Deinen Vorschlag umgesetzt. Jetzt dürft Ihr entscheiden, ob Euch die farbige Variante oder die unten stehende Umsetzung in schwarz-weiß besser gefällt:

LowKey im Kuhstall - schmarz-weiss

Ein Abend auf dem Hochblauen

Ein kleiner Trip ins Markgräflerland ist schon was tolles. Vor allem dann, wenn ich endlich ein Treffen mit Jasmin, aka Heimatfotograefin realisieren kann.

Also hab ich mich im Urlaub aufgemacht und mich vom wilden Nordschwarzwald runtergetraut an den Rhein. Es ist schon eine tolle Gegend dort, und Jasmin ist als „Touriguide“ einfach klasse.

Der erste Tag (ausführlicher Bericht folgt) war erfüllt mit Sightseeing, leckerer Pizza und guten Gesprächen. Was will man mehr? …………Na ja, was wohl. Einen Abstecher auf den Hochblauen natürlich. Jasmin hat mir schon so viel von ihrem „Hausberg“ vorgeschwärmt, dass ich es nicht erwarten konnte, das mal mit eigenen Augen zu sehen.

Nach kurzer Fahrt am Gipfel angekommen, konnte ich nachvollziehen warum dort oben einer ihrer Lieblingsplätze ist. Die Aussicht ist phänomenal. Man hat quasi eine komplette Rundsicht. Frankreich, Schweiz, Schwarzwald. Ich war schon sehr beeindruckt.

Wir konnten an diesem Tag einen tollen Sonnenuntergang bestaunen. Einfach schön.

Auch der Rhein glitzerte im letzten Licht des schwindenden Tages. Was für ein Anblick.

Als es immer dunkler wurde, boten sich auch noch andere Motive, wie diese Fabrik in Frankreich. Das Gelände leuchtete wie ein Weihnachtsbaum.

Das Highlight allerdings war, wie ich finde, mehrere Gewitterzellen über dem Schwarzwald.

Das Dumme war, mein Stativ lag in meinem Auto und gefahren ist Jasmin. Also was tun sprach Zeus.

Na was wohl. Tele drauf. ISO hochknallen und Dauerfeuer, in der Hoffnung, man kriegt ein Blitzli auf die SD-Karte gebannt.

Wie man vor allem am Beitragsbild eindrucksvoll sieht, hat es ziemlich gut funktioniert, wenn man bedenkt, dass man Gewitter so eigentlich nicht fotografiert. Aber was soll’s, weiß ja keiner. 🙂

So ging ein toller Abend zu Ende, und wir machten uns auf den Rückweg. Was noch so alles los war im Markgräflerland, kommt in einem andern Beitrag.

In diesem Sinne. Bleibt neugierig.

Seht, eine Stadt

Trigger warning: Es folgt eine lange Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen, Binsenweisheiten und anderen Banalitäten.

Los geht’s:

Der Begriff „Stadt“ ist keiner, über dessen Bedeutung man lange grübeln muss. Ein absolut alltägliches Wort, das uns allen geläufig ist. Wir alle haben zudem eine (scheinbar) klare Vorstellung von dem, was es bezeichnet. Urbanität.

Als da wären: Häuser (gerne mehre Stockwerke hoch), dazwischen Straßen, Autoverkehr (und zwar nicht zu knapp). Sehr viel Beton, Stein, Glas, Stahl, Asphalt. Viele Gebäude sind nicht bloß funktional, sondern sollen eindeutig was her machen. Sie sollen repräsentativ sein.

Dort, „in der Stadt“, leben und arbeiten Menschen, sie wuseln emsig hin und her. Aber sie versorgen sich auch, erholen sich oder gehen ihren Freizeitbeschäftigungen nach.

In einer Stadt sollte man natürlich auch chillen können.

Das Leben hier ist dynamisch. Vieles ist dabei auf Autos ausgerichtet, muss man leider feststellen. Das wirft Fragen auf. Und manches ist auch einfach absurd.

Arme Fußgänger!

Nicht alle können mehr herumlaufen in der Stadt (oder eben fahren). Manche haben ihre letzte Ruhestätte schon gefunden – übrigens an Orten, an denen dann oftmals auch wir Lebenden Ruhe und Abstand von Lärm und Hektik finden.

In einer Stadt (vielleicht ist sie gar die Hauptstadt eines Landes?), da werden auch viele Entscheidungen getroffen. Politische Entscheidungen, die viele Menschen betreffen, auch militärische. Da gibt es Orte, an denen diese Entscheidungen und ihre Folgen erklärt werden, wo man erinnert, mahnt, feiert, Geschichte inszeniert, aber natürlich auch protestiert und Konflikte austrägt. Gefallene Soldaten kommen „zurück“ in die Stadt, sie werden begraben, man gedenkt ihrer (oder auch nicht), mitunter instrumentalisiert man sie auch. Offizielle Orte der Erinnerung, Heldengedenken und so.

Da steht nun also ein Mahnmal in einem Park, genauer: am Rande eines älteren Militärfriedhofs. Es wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen. Man wundert sich womöglich über die allerdings recht neu anmutende Anlage und die Gedenktafeln in zwei verschiedenen Sprachen. Eine Recherche bringt Aufklärung: Eine Tafel ist in der heutigen Landessprache, die zweite in der früher dominierenden Sprache, die noch immer von vielen Menschen bevorzugt gesprochen wird. Das Mahnmal stand früher an einem zentralen Platz der Stadt, wurde aber von dort entfernt und an den Rand versetzt. Es steht für eine Periode in der Geschichte des kleinen Landes, die von vielen ungeliebt ist und am liebsten verdrängt würde. Andere wiederum, eine Minderheit, sehen genau hierdurch ihre eigene Geschichte und Kultur, ja sich selbst, herabgewürdigt und entwertet, es gibt Konflikte. Ein gefundenes Fressen für ein sehr, sehr großes Nachbarland, das diese Konflikte gezielt befeuern und sich dann als Beschützer der Minderheit gerieren kann.

Die Stadt also als Bühne gesellschaftlichen Lebens und zugleich als Brennglas von so vielem, was uns umtreibt.

Diese eine Stadt, Tallinn, als Reiseziel und Ort, den es in den kommenden Tagen zu erkunden gilt. Ecce urbs!

25. August 2023
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)

Nachbarland Schweiz

Neben Frankreich grenzt unser schönes Markgräflerland ja bekanntlich auch an die Schweiz an.

Basel ist beispielsweise die nächstgelegene große Stadt an der Grenze zum Markgräflerland und bestimmt jedem bekannt. Wer bisher noch nicht in Basel war, dem lege ich diese Stadt für einen Ausflug ans Herz.

Wer jedoch wie mein Freund und ich gerne in den Bergen unterwegs ist und zu Fuß die Landschaft erkundet, der hat auch mit dem naheliegenden Kanton Bern seine Freude.

So ging es also für uns vor wenigen Tagen für einen Tagesausflug in den Kanton, um dort die Bergwelt zu erkunden. Unser Ziel war das 2.249 m hohe Morgenberghorn am Südufer des Thunersees. Der Wecker klingelte um 4 Uhr früh. Während der Autofahrt sorgte der Sonnenaufgang bereits für eine ganz besondere Stimmung und die Vorfreude auf die bestehende Tour wurde umso größer.

Nach zweieinhalb Stunden Autofahrt konnten wir die Tour ab dem Parkplatz beim Restaurant Pochtenfall im Naturschutzgebiet Suldtal starten. Die ersten 15 Minuten waren wir jedoch nicht alleine unterwegs. Eine Ziegenherde hatte uns Gesellschaft geleistet. Eine Erfahrung mit einer Ziege am Berg hatten wir bereits im Südtirolurlaub 2018. Den Blogbeitrag dazu findet ihr hier. Nachdem die Ziegen sich entschieden hatten, uns alleine weiterziehen zu lassen, ging es die ersten 500 Höhenmeter hinauf bis zur Brunnihütte.

Nach einer kurzen Trinkpause führte der Weg weiter steil hinauf. Auf diesem Weg war Trittsicherheit Grundvoraussetzung und die Passagen mit Stahlseilen forderten völlige Konzentration.

Weitere 700 Höhenmeter aufwärts erreichten wir schließlich sicher und völlig überwältigt von der gigantischen Aussicht den Gipfel des Morgenberghorns. Der Blick reichte weit hinaus über den Thunersee bis zum Brienzersee. Zur rechten Seite ragten Eiger, Mönch und Jungfrau empor. Ein unfassbar schönes Panorama, welches uns längere Zeit innehalten ließ.

Der Rückweg führte uns an einem schmalen Grat entlang Richtung Rengglipass und war erneut mit kurzen drahtseilgesicherten Passagen zu bewältigen. Unten angekommen folgten wir zunächst einer asphaltierten Straße, bevor wir uns auf schönen Waldwegen dem Landschaftsschutzgebiet Pochtenfälle näherten. In diesem Gebiet führen viele verschiedene Routen an Wasserfällen entlang.

Völlig überwältigt von den Eindrücken der Wanderung und mit großem Durst erreichten wir dann nach sieben Stunden, 14,2 Kilometern, 1.170 Höhenmetern, wieder unseren Ausgangspunkt. Beim Restaurant Pochtenfall gab es dann noch eine kühle Erfrischung, bevor es wieder zurück in die Heimat ging. Die Alpen… manchmal gefühlt so weit entfernt, aber irgendwie ja doch so nah.

sogesehen – Monatsfoto August 2023

Affenhitze, leere Geschäfte, volle Schwimmbäder. Geruch von Pommes und Chlor. 

Urlaub, verspätete Flieger, volle Züge. Stau.

Gewitterregen, Sonnenbrand, klebrige Sonnencreme. Ameisen im Schuh.

Unruhige Nächte, laute Nachbarn, wenig Schlaf. Kurze Kleider und lange Abende.

Strand, Meeresrauschen, Sonnenuntergänge. Sand auf der Haut.

Tomatenfäule, Zucchinischwemme, Hagelschaden. Pflaumenkuchen mit Wespen.

01. August 2023
Stefanie Röschke
(www.stefanieroeschke.de)

Komplett

Wie hängt wohl die Art und Weise, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und bewerten, mit unseren Hoffnungen und Prägungen zusammen? Welche Rolle spielen unsere jeweiligen Erwartungen an das Erscheinungsbild dieser Umwelt, wie steht es um (bewusste oder unbewusste) symbolische Zuschreibungen? Ein Beispiel.

Es gibt da dieses große Naturschutzgebiet im Süden von Hessen, also in der Mitte Deutschlands. Der Reinheimer Teich – eine wunderschöne Kulturlandschaft, die ich so oft wie möglich besuche (gerne auch im Winter, wie ich an anderer Stelle unlängst gezeigt habe). Dort ist die Landschaft offen, der Blick schweift über Wiesen, Wasser, und Schilf, darüber wölbt sich ein ausgedehnter (und bisweilen dramatisch bewölkter) Himmel.

Natürlich kommen dort auch viele Tiere vor, insbesondere Vögel. Man hat den Eindruck von ganz viel Natur.

Unverzichtbarer Bestandteil dieses Ensembles ist aber auch ein Bauwerk von Menschenhand. Die Scheune!

Sie ist ein imposantes Gebäude, das trotz seiner Größe ausgewogen und gar nicht klotzig wirkt und das einfach nicht zu wegzudenken ist aus der Landschaft des Reinheimer Teichs.

Das war schon immer so. „Immer“ heißt in diesem konkreten Fall jetzt: auch zu meinen Schulzeiten, lange ist’s her, als ich in Fahrradentfernung des Naturschutzgebiets wohnte und entsprechend oft zu Besuch war. Damals habe ich aber immer eine gewisse Wehmut und Sehnsucht empfunden, wenn mein Blick auf die Scheune fiel. (Und damit meine ich nicht den physischen Schmerz an dem Tag, als ich als Grundschüler – verbotenerweise ins Innere der Scheune eingedrungen – dortselbst in einen rostigen Nagel trat).

Nein, ich habe jahrein, jahraus immer auf das leere, große Wagenrad gestarrt, das schon damals auf dem Dachfirst angebracht war. Mir war klar, hier sollen eigentlich Weißstörche brüten. Vielleicht hatten sie das auch irgendwann getan, vor meiner Zeit. Ich kannte es aber immer nur als Leerstelle, als Manko, vielleicht sogar als mahnenden Hinweis auf unsere zunehmend ausgeräumte Agrarlandschaft und den damit verbundenen ökologischen Niedergang unserer, ja, Heimat. Denn Weißstörche waren in Mitteleuropa damals ausgesprochen seltene Vögel.

Auch wenn es pathetisch und ausgedacht klingen mag: Ich habe damals (1990?) die Scheune und das verwaiste Wagenrad angeschaut und mir gesagt, dass ich wahrscheinlich niemals dort einen Weißstorch sehen würde – und dass ich mich lieber früher als später damit arrangieren solle.

Es kam anders, zum Glück. Jahre später war nämlich meine Freude umso größer, als ich von einer Rückkehr der Weißstörche zum Reinheimer Teich hörte. Es dürfte Anfang oder spätestens Mitte der Nuller-Jahre gewesen sein, als mein lange gehegter Wunschtraum endlich in Erfüllung ging und sich auf besagtem Wagenrad ein besetzter Horst befand. Meine erste Begegnung mit Störchen an „meinem“ Reinheimer Teich habe ich als absolut aufregend in Erinnerung. Ich hatte das Gefühl, erst jetzt war das Gebiet (und wie ich es wahrnahm) komplett, die Leerstelle war geschlossen. Manche Dinge wandeln sich eben doch zum Guten, wenn man nur lange genug wartet…

Inzwischen (ich bin nach wie vor regelmäßiger Besucher dort) sind die Störche zumindest im Sommerhalbjahr ein sehr vertrauter Anblick im Gebiet. Sie brüten auf der Scheune (natürlich!), aber auch auf weiteren Bäumen der gesamten Umgebung. Sie kommen zusammengenommen auf sicherlich zwei Dutzend Brutpaare im Naturschutzgebiet und dem weiteren Umfeld. Stets sieht man sie in den Wiesen allein oder in kleinen Gruppen stehen und nach Nahrung suchen. Die Kulturlandschaft, so scheint es, ist nur mit und dank ihnen vollständig.

Aber Hand aufs Herz: So attraktiv ein Weißstorch in einer Feuchtwiese oder hoch in der Luft auch sein mag – der schönste Anblick ist für mich natürlich, wenn er das Scheunendach ziert. Der wilde Vogel verschmilzt förmlich mit der Architektur, und diese wiederum ist perfekt in die umgebende Landschaft integriert.

Wer will da noch von einem Gegensatz zwischen Kultur und Natur sprechen?

Dann ist meine Erwartung erfüllt, die Welt ist in Ordnung, ich bin erleichtert.

Gute Nacht, ihr Scheunenstörche!

23. Juli 2023
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)

Lichter der Nacht

Ich sitze gerade im Zug auf dem Weg in den Norden, von Basel über Hamburg nach Husum. So eine Zugfahrt einmal längs durch die Republik dauert doch einige Stunden, und ich möchte die Zeit nutzen, um ein gutes Buch zu lesen, etwas Musik zu hören und auch diesen Blogbeitrag zu schreiben 🙂

Thematisch passt das ganz gut zusammen, denn zu zwei von den drei Orten in diesem Beitrag bin ich mit dem Zug gefahren (was allerdings nicht immer ganz so reibungslos geklappt hat).

Turin – Frankfurt – Leipzig

Drei Städte, die wahrscheinlich nicht auf den Top-Listen der schönsten Städte Europas stehen. Turin verband ich immer mit FIAT, also mit Autos, Frankfurt kannte ich nur von einem Messebesuch und als Zwischenstopp am Flughafen, und Leipzig war für mich eine große Unbekannte. Ich hatte schon viel Schönes darüber gehört, aber für eine Städtereise hatte ich bisher dann doch eher die klassischen Ziele wie Hamburg, Paris, Lissabon etc. gewählt.

Nun also Turin (Anfang Mai), Frankfurt (Anfang Juni) und Leipzig (Anfang Juli). Ich besuchte die Städte nicht alleine, sondern mit verschiedenen Gruppen und Freunden, die aber alle eines gemeinsam hatten: Lust und Spaß am Fotografieren.

Nun ist das mit dem Fotografieren in Städten in diesen Monaten so eine Sache. Tagsüber ist es sehr warm mit grauslich hartem Sonnenlicht, und die stimmungsvollen Tagesrandzeiten sind sehr früh oder sehr spät. Das bedeutet recht lange Tage (und vor allem kurze Nächte!), oder man verzichtet auf die blaue Stunde und den Sonnenauf- und untergang. In der Natur – und Landschaftsfotografie wäre das ein No-Go, aber in Großstädten finde ich das gar nicht so dramatisch. Oft steht man sowieso gerade am falschen Standpunkt und es ist kein Hügel in Sicht, oder irgendein Hochhaus versperrt den Blick auf die untergehende Sonne.

In Turin hatten wir noch eine ganz andere „Herausforderung“. Anfang Mai fällt der Sonnenuntergang nämlich genau auf die Hauptessenszeit, d.h. wir hatten die Wahl zwischen stimmungsvollen Fotos der blauen Stunde oder einem leckeren italienischen Mehrgängemenü. Dass ich genau ein einziges Foto von Turin bei Nacht gemacht habe, lässt erahnen, für welche Variante wir uns entschieden haben.

Blick vom Monte Cappuccini, Turin

Glücklicherweise geht das Leuchten in den Städten auch weiter, wenn die Sonne schon längst verschwunden ist. Gerade in Frankfurt hatte ich das Gefühl, dass das Spektakel dann erst richtig losgeht. Je dunkler es wurde, desto mehr Lichter gingen an. Und obwohl Hochhäuser normalerweise nicht zu meinen Lieblingsmotiven gehören, muss ich sagen: Hat was! 😉

Skyline Frankfurt
Blick vom Hotel Lindner, Frankfurt

Durch die weitwinklige Perspektive und die sehr hohen Gebäude verzerren sich jedoch die Linien, und die Gebäude geraten fotografisch ins Kippen. Wenn das dann noch die EZB (Europäische Zentralbank) ist, die hier in Schieflage gerät, kann man schon mal über den unbeabsichtigten Bildwitz schmunzeln.

Rechts: EZB

Aber nicht nur spätnachts ist die Skyline der Hammer. Auch frühmorgens, wenn die Luft kühler und klarer ist und viel weniger Menschen unterwegs sind, entwickelt die Silhouette im morgendlichen Blau ihren ganz eigenen Reiz. 

Nun hat aber nicht jede Stadt eine so grandiose Kulisse zu bieten. 
In Leipzig gibt es jedoch einen Aussichtsturm (Panoramatower) von dem sich die Stadt sehr gut überblicken lässt. Allerdings sind die Gebäude relativ spärlich beleuchtet, was natürlich für die Umwelt gut, aber für die Nachtfotografie nicht so prickelnd ist.

Leipzig von oben
Blick auf den Hauptbahnhof

Das eigentliche Lichtspektakel findet aber meiner Meinung nach ganz woanders statt, nämlich auf dem Augustusplatz. Dort steht ein kreisrunder Springbrunnen, und wenn es windstill ist und auch die Fontäne abgestellt ist, kann man sich dort wunderbar fotografisch austoben.

Oper Leipzig
Gewandhaus Leipzig

So hat jede Stadt ihre ganz eigenen Lichter der Nacht, und vielleicht schlendere ich auch mal durch meine kleine Heimatstadt, um mich von ihren Lichtern überraschen zu lassen. Aber frühestens im Herbst und auch erst nach dem Abendessen 😉