Sommernebel

Sommer 2022: Wochenlang nur Sonnenschein, immer ein wolkenloser, blauer Himmel und Temperaturen von meist über 30°C. Bilderbuchsommer oder schönes Wetter sind normalerweise die typischen Begriffe für so ein Dauerhoch, und Meteorologe*in zu sein war in letzter Zeit wahrscheinlich ein eher langweiliger Job (ganz im Gegensatz zu dem der Landwirt*in).

Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht, aber meine Interpretation von „schönem“ Wetter scheint sich gerade komplett zu wandeln. Wie von Horst im Beitrag zum Monatsfoto August eindrücklich beschrieben, sind die Auswirkungen beängstigend, und diese Hitze und die Trockenheit macht allen Lebewesen schwer zu schaffen. Man sehnt sich förmlich nach dem Duft von Sommerregen und dem Prasseln der Regentropfen, aber auch aus fotografischer Sicht wünscht man sich mal wieder ein etwas spannenderes Wetter. Es sei denn, man bekommt netten Besuch und will einen Ausflug unternehmen….

„Ich möchte die Berge sehen!“
Anfang August kündigte sich Besuch aus dem fernen (und flachen) Estland an. Kerli, die uns während der Estlandreise im Frühjahr an wunderbare Orte führte (s. meinen Bericht dazu), kam nun zu einem Gegenbesuch in den Schwarzwald und hatte ziemlich genaue Vorstellungen davon, was sie gerne sehen würde: Berge!

Nun hat der Schwarzwald natürlich den Feldberg, den Belchen und noch weitere Tausender, aber die imposanteren Berge findet man doch eher in den Alpen. Und so starteten Kerli, Sebastian, ich und Daniel (er war ebenfalls in Estland dabei) zu einem Kurzausflug in die Schweiz, genauer gesagt auf das Niederhorn, von dem aus sich die Berner Alpenkette gut überblicken lässt. Normalerweise….

Schon während der Anfahrt mit der Gondel ahnten wir, dass das mit der Aussicht eher schwierig werden könnte. Eine dicke Nebelsuppe empfing uns, und wir sahen nichts, absolut nichts! Keine Berge, keinen Thunersee, nicht einmal die nächste Weggabelung.

Kerli auf der Suche nach den Alpen

Das war aber kein Nebel, wie man ihn normalerweise vom Herbst her kennt. Die Luft war sehr feucht, es war nicht wirklich kalt und die Sonne schien durch den Nebel hindurch. Ich hatte das Gefühl, die Wassertropfen auf der Haut wirkten wie Brenngläser, und das Licht in der Nebelwand war oft gleißend hell. Ein merkwürdiges, für einen Augusttag eher ungewöhnliches Wetter.

Aber um ehrlich zu sein, gefiel mir dieses Wetter aus fotografischer Sicht tausend Mal besser als strahlend blauer Himmel. Aber der Grund unseres Ausfluges waren ja eigentlich die Berge, und die bekamen wir an diesem Tag leider nicht mehr zu sehen – aber wir hatten trotzdem unseren Spaß!

Kerli, Daniel, Sebastian

Glücklicherweise hatten wir eine Übernachtung auf dem Niederhorn gebucht, und so hüpften wir früh morgens um 4:30 Uhr aus den Federn, und was soll ich sagen? Der Wettergott muss wohl ein Este sein (oder ein großes Herz für Landschaftsfotograf*innen besitzen 😉 ) Auf uns warteten ein Sonnenaufgang im Nebel, über die Landschaft wabernde Nebelschwaden und Berge!

Nicht nur wir genossen die Aussicht

Aber natürlich beschränkte sich unser Ausflug nicht nur auf die Suche nach den Bergen. Es gab durchaus noch weitere besondere, meist tierische Erlebnisse, für die sich die Mühe durchaus gelohnt hat, wie ein geschmückter Weihnachtsbaum behangen durchs Gebirge zu laufen 😉 Fortsetzung folgt!

sogesehen – Monatsfoto August

Um diese Zeit streife ich abends gerne durch die Wiesen, ich habe Urlaub und es ist August. Die Kamera ist natürlich dabei, um vielleicht das eine oder andere Insekt abzulichten. Die abgeernteten Getreidefelder und die daraufliegenden Strohballen verströmen ihren typischen Duft nach Hochsommer. Traumhaft, oder?

Mitnichten. Denn dieses Jahr hat das Wort traumhaft einen Beigeschmack, wie ich finde. Auf meinen Streifzügen durch die Natur sehe ich immer mehr tote und vertrocknete Bäume. Die Pflanzen auf den Wiesen und im Wald dürsten nach Wasser. Alles hat die Farbe von reifem Korn, wo doch saftiges Grün vorherrschen sollte. Die Bäche führen bedenklich wenig Wasser, und stehende Gewässer sind zum Teil kurz vor dem Umkippen. Ich könnte die Liste noch um einige Punkte erweitern.

Vielleicht fragt ihr euch jetzt, warum ich das schreibe, da doch jeder der Augen hat, selber sieht was in der Natur los ist.

Ich schreibe es deshalb, weil es mir tatsächlich Sorgen macht. Weil ich mir Gedanken über die Zukunft mache. Was wird passieren in 5, 10 oder 20 Jahren? Wieviel wird sich verändern? Was wird sich verändern? Ich weiß es nicht, und das bereitet mir Kopfzerbrechen.

Dennoch werde ich die Hoffnung auf Besserung nicht aufgeben. Ein klein wenig Träumen geht immer.

Mit nachdenklichen Grüßen

Euer Horst

Feuerwasser

Vielleicht gehörst Du (wie ich) auch zu der Art von Leser*in, die in Blogbeiträgen und Zeitschriften zuerst alle Bilder anschauen, bevor mit dem Lesen des Textes begonnen wird. Wenn Du das auch so handhabst, dann sind dir meine hier gezeigten Fotos ja bereits bekannt und Du hast dir vielleicht auch schon eine Meinung dazu gebildet.
Ohne über hellseherische Fähigkeiten zu verfügen, bin ich mir fast sicher, ein paar deiner Gedanken dazu zu kennen, z.B. „Krass! Da hat Steffi aber mächtig in den digitalen Farbtopf gegriffen!“ oder vielleicht eher „Schöner Sonnenuntergang, aber das hätte ich mit dem Handy auch hinbekommen!“. Zum ersten Punkt kann ich nur sagen: Nix da! Ja, alle Fotos sind bearbeitet (wie alle meine Bilder), aber nicht mehr als üblich. Das Licht und die Farben an diesem Abend waren phänomenal und pure Realität! (und zum zweiten Gedanken komme ich später noch).

Der Ort dieses Lichtspektakels war am Rhein, genauer gesagt dort, wo die Wehra in den Rhein mündet, in der Nähe der südbadischen Stadt Wehr. Die Wehramündung ist ein Naturschutzgebiet, das ich gerne besuche, wenn ich Vögel beobachten und fotografieren will. Zusätzlich kann man dort wunderbar am Rhein entlang spazieren und auch baden, was an einem lauen Sommerabend schon fast etwas Urlaubsfeeling aufkommen lässt.

Das Thema Vogelfotografie war an diesem Abend schnell erledigt, da sich im Wasser nur ein paar Schwäne, Gänsesäger und Stockenten tummelten. Außerdem verdunkelten ein paar dicke Wolken den Himmel und das Licht wurde, trotz noch früher Abendstunde, rapide schlechter, aber dafür immer goldener.

Ob es dem Gänsesäger wohl auch so gut gefallen hat?

Ich war natürlich überhaupt nicht auf Landschaftsfotografie bei Dunkelheit eingestellt, sondern hatte nur mein großes Teleobjektiv dabei und Dinge wie z.B. Stativ, Weitwinkel, Filter, d.h. alles was man hier hätte gut brauchen können, lag gemütlich zu Hause herum! Aber ich hatte gar keine Zeit mich zu ärgern, denn das Licht änderte sich innerhalb kürzester Zeit immer wieder. Plötzlich war das Gelb-Goldene verschwunden, und es wurde wieder heller und auch bunter. Erst Rosa-Blau, dann fast Lila.

Und der Gänsesäger schwimmt immer noch unbeeindruckt seine Runden…

Nach etwa einer halben Stunde wurde es zunehmend dunkler, und der Zauber war vorbei.

Dieser schöne Sonnenuntergang ist natürlich auch anderen Spaziergängern nicht verborgen geblieben und man kam ins Plaudern. Oftmals wurde nicht nur das tolle Licht, sondern auch mein (nicht gerade kleines) Objektiv bestaunt, und so ergab sich das ein oder andere nette Gespräch über Fotografie und ob so eine Kamera überhaupt noch zeitgemäß ist, da doch ein Handy genau so tolle Bilder machen würde. Diese Argumentation höre ich in letzter Zeit häufiger, was natürlich auch mit der immer besser werdenden Qualität der Handykameras zu tun hat. Auch ich lasse manchmal die dicke Kamera zu Hause, wohl wissend, dass ich ja noch das Handy dabei habe, um ggf. ein schönes Motiv fotografieren zu können.

Ich könnte jetzt seitenweise über das Thema philosophieren und Pro und Kontra auflisten, aber Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte.

iPhone 13 Pro

Also ich hätte mich geärgert, wenn ich meine Kamera zu Hause gelassen und mich nur auf mein Handy beschränkt hätte! Da ich nicht das klassische Fotoequipment für die Landschaftsfotografie dabei hatte, musste ich improvisieren und interessante Ausschnitte finden, was die Ergebnisse meiner Meinung nach vielleicht sogar eine Spur interessanter machte, als die klassische Postkarten-Weitwinkelaufnahme.

Falls Du Interesse hast dein Wissen über Landschaftsfotografie zu vertiefen und auch mit Gleichgesinnten Neues auszuprobieren, mache ich jetzt kurz Werbung in eigener Sache: Im November biete ich gemeinsam mit Blogkollege Sebastian Schröder-Esch einen zweitägigen Workshop zum Thema Landschaftsfotografie an. „Fokus und Komposition“ und „Variation und Kreativität“ sind die Überschriften dieser zwei Tage, in denen wir uns ausgiebig mit der spätherbstlichen Landschaft des Oberen Wiesentals, den vielfältigen Motiven und den unterschiedlichen fotografischen Ansätzen beschäftigen werden.

Mehr Informationen findet ihr hier: Workshop „Landschaftsfotografie“ 19./20.11.2022

sogesehen – Monatsfoto Juli

Was zeigt dieses Bild? Eine Landschaft mit Schnee und Eis, karg und unwirtlich, davor eine große Wasserfläche. Menschliche Spuren sind nicht zu sehen, also vielleicht eine unberührte Wildnis? Winter?

Weit gefehlt: Die Aufnahme ist auf Spitzbergen (Svalbard) entstanden, dem zwischen Europa und dem Nordpol gelegenen Archipel. Es ist Mitte Juni, also Frühsommer, doch hier in der Arktis sollte jetzt „eigentlich“ noch deutlich mehr Schnee liegen. Das Wasser im Vordergrund ist der große Isfjord im Westen Spitzbergens, der aber schon seit Jahren nicht mehr zufriert und seinen Namen somit inzwischen eigentlich zu Unrecht trägt.

Die menschlichen Spuren und die Auswirkungen unseres Tuns sind hier eben doch allgegenwärtig und tiefgreifend. An keinem anderen Ort auf der Welt ist in jüngster Vergangenheit die Temperatur im Durchschnitt der einzelnen Jahre derart angestiegen wie auf Svalbard, und zwar mit bald schon zweistelligem Zuwachs. Auch das Wasser erwärmt sich, das Eis schmilzt bzw. entsteht gar nicht erst, was wiederum zu einem sich selbst verstärkenden Effekt der weiteren Erwärmung führt. Es gibt wesentlich mehr Niederschläge als früher, inzwischen oftmals als Regen. Der Permafrostboden taut auf (und gibt klimaschädliches Methan frei!), Berghänge geraten ins Rutschen. Die Inselhauptstadt Longyearbyen wurde seit 2015 mehrfach von Lawinen aus Schnee oder Schlamm heimgesucht, in denen Wohnhäuser zerstört wurden und Menschen ihr Leben verloren haben. Im ebenfalls immer wärmer werdenden Meerwasser ändert sich das Gefüge des Nahrungsnetzes, wobei die langfristigen Folgen noch gar nicht bekannt sind.

Gleichzeitig nimmt der Arktis-Tourismus auf Spitzbergen immer mehr zu (von dem auch ich mit meiner kürzlich unternommenen Reise Teil war, klar). Besucher:innen aus aller Welt kommen in von Jahr zu Jahr steigender Anzahl hierher. Das Motto, wenn auch eher implizit, scheint zu sein: „Last chance to see“. Das gilt natürlich allen voran für die emblematischen Eisbären, aber auch allgemein für schneebedeckte Berge und direkt ins Meer kalbende Gletscher. Der CO2-Ausstoß durch diese Reisen ist beträchtlich, zumal im Grunde auch alles an Konsumgütern und an Infrastruktur per Schiff oder Flugzeug nach Spitzbergen importiert wird.

Wie das wohl alles zusammenhängt und zusammenpasst (oder auch nicht)?

1. Juli 2022
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)


PS: Wer sich für die hier nur angerissene Thematik interessiert und viele konkrete Belege erfahren möchte, dem sei das Buch „Meine Welt schmilzt“ einer norwegischen Journalistin ans Herz gelegt. Es ist allerdings keine besonders heitere Lektüre.

Fliegende Schönheiten

Was war das nur für ein herrlicher Samstag am vergangenen Wochenende? Das Thermometer zeigte bereits frühmorgens sommerliche 25 Grad an, der Himmel war wunderschön blau, und die Sonne strahlte mit voller Kraft.

Mein Tag begann bei einer wunderschönen Yogastunde im Freien mit einer sehr engen Freundin. Nach diesem achtsamen Start in den Tag und dem traumhaft schönen Wetter zog es mich wieder raus. Das Schöne dabei war, dass bei mir für diesen Tag absolut nichts mehr auf dem Programm stand. So zog es mich also am Nachmittag zum Verweilen auf das Gelände der Landesgartenschau in Neuenburg am Rhein. Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, wie erholsam es war, am Rheinufer zu sitzen, die Sonne auf der Haut zu spüren und dabei die vorbeiziehenden Kormorane, Graureiher und Schwäne am Rhein zu beobachten.

Nach gut einer Stunde des Verweilens konnte ich einen Graureiher beobachten, der sich am Schilf entlang schleichend auf die Suche nach Fröschen machte. Völlig unbeeindruckt von all den Leuten am Ufer pirschte er sich ganz langsam an seine vermeintliche Beute heran. Leider blieb der Beutezug jedoch ohne Erfolg, und nach einiger Zeit flog er krächzend wieder in weite Ferne. Ich wollte danach auch schon wieder weiterziehen, da schimmerte es bläulich aus dem Schilf heraus.

Ich musste natürlich sofort innehalten und die fliegende Schönheit beobachten: die Gebänderte Prachtlibelle. Diese wunderschöne Libelle mit ihren kräftig blau schimmernden Flügeln war stark damit beschäftigt, von Rastplatz zu Rastplatz zu fliegen, und ich war dabei von ihren feenartigen Flugkünsten völlig begeistert.

Ich saß bereits über eine halbe Stunde am Ufer, als eine weitere Libelle (leider die Art bisher nicht ausfindig machen können) in das Gebiet einflog und mit der gebänderten Prachtlibelle einen auffälligen Schwirrflug begann. Jetzt konnte ich erst recht noch nicht den Heimweg antreten und beobachtete das weitere Geschehen mit meinem Teleobjektiv in rücksichtsvoller Entfernung. Das Männchen hatte sich auf die Flügel des Weibchens gesetzt und sich mit seinen Hinterleibsanhängen in Libellenmanier angekoppelt. Das dabei entstehende „Paarungsrad“ sieht mit etwas Fantasie aus wie ein Herz, welches in dem Moment als Symbol der Paarung nicht passender sein könnte 🙂 Dies aus der Entfernung zu fotografieren, war nicht ganz leicht, und die Aufnahmen sind qualitativ bestimmt nicht zu 100 % gut gelungen, aber die Erinnerung an diesen schönen Moment bleibt mir so stets vorhanden.

Über eine Stunde lang hatte ich die Gebänderte Prachtlibelle inkl. Paarung dann beobachten dürfen. Voller Freude über das schöne Erlebnis und die tollen Aufnahmen zog es mich dann allmählich wieder Richtung Ausgang.

Kaltland

Estland, Mai 2022 – eine besondere Reise in schwierigen Zeiten.

Als mich Blogkollege Sebastian im Januar 2021 fragte, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm und ein paar weiteren Naturinteressierten nach Estland zu reisen, war mir schnell klar, dass diese Reise auf unsicheren Beinen stand. Dass wir, über ein Jahr später, nicht mit Corona, sondern mit einem Krieg in Europa konfrontiert werden würden, hätten wir uns in unseren übelsten Träumen niemals vorgestellt. Je näher die Reise rückte, desto bedrohlicher wurde die Lage in der Ukraine, und immer mehr schwand meine Vorfreude auf diese Reise. Wie gelähmt beobachteten wir das Geschehen, und so stand auch die Frage im Raum, ob wir die Reise absagen sollten oder nicht.

Auch ich hatte Zweifel. Es waren aber weniger die Bedenken um meine eigene Sicherheit, denn Estland ist Mitglied der NATO, jedoch fühlte es sich nicht richtig an, zum jetzigen Zeitpunkt eine „vergnügte“ Urlaubsreise in den östlichen Teil Europas anzutreten. Also warteten wir ab, tauschten Argumente aus, und am Schluss entschied sich ein Teil der eigentlichen Gruppe, die Reise doch anzutreten.

Foto: Steffen Biber

Eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus verschiedenen Ländern, aber alle mit einer gemeinsamen Leidenschaft: der Liebe zur Natur und zur Tierwelt (wobei der Schwerpunkt ganz klar auf den gefiederten Freunden lag).

Passend dazu war unsere Unterkunft auch kein hippes Stadthotel, sondern ein Holzhaus mitten im Wald, etwa 6 km zur nächsten Stadt Haapsalu.

Anfänglich war ich sehr gespannt, wie sich diese neun Tage entwickeln würden. Mit acht Personen (von denen ich bisher nur zwei persönlich kannte) zusammen in einem 120m2 Haus, als Selbstversorger und nur einer! Dusche, das hatte Potential für diverse Spannungen. Gleich vorneweg, meine Sorgen waren absolut unbegründet!

Da waren wir also, im Nordwesten Estlands, im Land der Moore und Birkenwälder.

Manche Fotos könnte man durchaus in eine Savanne verorten, jedoch waren die Temperaturen eher nordisch frisch. Während zu Hause das Thermometer zum ersten Mal im Jahr knappe 30°C anzeigte, waren wir froh, unsere Winterklamotten eingepackt zu haben.

Aber die Landschaft war eigentlich nicht der Hauptgrund unserer Reise, sondern die Tier- und hier im Besonderen die Vogelwelt. Und wir wurden nicht enttäuscht!

Unglaublich, was für eine Vielfalt und Vielzahl an Vögeln wir vor das Fernglas und die Linse bekommen haben! Wobei mir mancher „Vogel“ am Himmel dann doch ein mulmiges Gefühl verursachte.

Ich war überaus dankbar, dass (außer mir) fast alle meine Reisebegleiter_innen über ein enormes ornithologisches Wissen verfügten. Die verschiedensten Vogelarten in den richtigen Sprachen zu verstehen, das war für mich nicht immer einfach. In Deutsch, Französisch, Polnisch, Italienisch, einem kleinen Hauch Schwyzerdütsch und Englisch, das nenne ich gelebtes Europa!

Aber wie es in einem fremden Land so ist, man kann noch so viele Reiseführer lesen und das Netz auf Tipps durchsuchen, man ist sich nie sicher, zur richtigen Zeit dann auch am richtigen Ort zu sein. Also hatte Sebastian die geniale Idee, uns ornithologische Unterstützung aus der Region zu buchen. Gesagt getan, und wir trafen unseren Guide früh morgens auf einem Parkplatz im Nirgendwo.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber vor meinem geistigen Auge hatte ich eher mit einem gesetzteren Herrn mit Bart und Hut gerechnet….

Kerli

Ich glaube, es dauerte keine zehn Minuten und Kerli hatte uns alle in ihren Bann gezogen. Mich faszinierte ihre Begeisterung für Vögel, egal ob es um das scheue Haselhuhn oder ein gewöhnliches Rotkehlchen ging, ihre Begeisterung steckte an und ihre Fachkompetenz beeindruckte nicht nur mich. (Und fließend Deutsch sprechen konnte sie auch noch!). Sie führte uns frühmorgens zu den balzenden Birkhähnen, wir suchten zusammen das Haselhuhn und lauschten am Abend nach den Eulen. Und so wurden aus einen Tag plötzlich drei und diese hatten es in sich. Sehr wenig Schlaf, viel auf den Beinen und jede Menge Spaß. Danke, Kerli, für die wunderbare Zeit!

Aber wenn ich so zurück blicke, dann sind es wahrscheinlich weniger die schönen Fotos und die Vogelsichtungen, die mir am meisten in Erinnerung bleiben werden, sondern die Menschen, mit denen ich diese wunderbaren Tage verbringen durfte.

Hi Vinciane, Hania, Kerli, Steffen, Martin, Daniel, Davide and Sebastian,
thanks to all of you for a fabulous time in Estonia! I really enjoyed every single bit of it. Thanks for the wonderful evenings, sometimes with too much Vana Tallinn 😉 Thanks for the inspiring conversation and the delicious food. Thanks for your patience with the bird- beginners, and thanks to Sebastian for the organization and much more!

Foto: Sebastian Schröder-Esch




sogesehen – Monatsfoto Juni

Der Begriff „Monatsfoto“ ist dieses Mal vielleicht etwas irreführend, denn eigentlich sind es ja mehrere Fotos. Genauer gesagt fünf Einzelfotos, die zusammengesetzt ein Wort ergeben. Alphabet- Fotografie oder auch Buchstabenfotografie genannt, ist ein netter fotografischer Zeitvertreib und gleichzeitig eine sehr gute Übung, um seinen Blick zu schärfen. Meistens versucht man sich am eigenen Namen, aber in meinem Fall waren mir die 8 Buchstaben (nur der Vorname!) dann doch zu lang 😉

Alle, die das Wort auch nach längerem hinschauen nicht identifizieren können, helfe ich gerne auf die Sprünge: URBAN ist das Titelwort und spiegelt damit auch den Kontext, in dem die Bilder entstanden sind wieder.

Diese Spielerei funktioniert auch wunderbar in der Natur. Probier´s aus, schnapp dir deine Kamera oder dein Smartphone und fange an zu schreiben. Viel Spaß dabei!

In der Kinderstube der Spechte

Flaniert man in diesen Spätfrühlingstagen so durch unsere mitteleuropäischen Wälder, kann man hin und wieder lautes Fiepen und Zwitschern vernehmen. Kein normaler Vogelgesang, sondern die eindringlichen Bettelrufe junger Vögel, die gefälligst ihre hungrigen Mägen gefüllt bekommen wollen. Am lautesten tun das die kleinen Spechte.

Und weil sie bekanntlich in Baumhöhlen (selbstgezimmert!) brüten, die sich oftmals hoch oben an glatten Stämmen befinden, brauchen sie keine Angst für Fressfeinden zu haben und können dementsprechend ungehemmt herumschreien. Da lohnt es sich durchaus, mal genauer hinzuschauen.

Gestern konnte ich nämlich in einem Buchenwald am Kaiserstuhl folgende schöne Szene beobachten:

So ein glatter Buchenstamm ist vermutlich eine unüberwindbare Hürde für Marder und andere potenzielle Nesträuber – erst recht, wenn die Höhle in vielleicht 15 Metern Höhe gezimmert wurde. Eine schöne Aussicht hat man von dort! Wobei dieser junge Buntspecht (erkennbar an seiner noch ganz roten Kopfplatte) vermutlich weniger an dieser interessiert war als vielmehr an Mampf.

Aha, da kommt ja schon der Herr Papa! Aber mit leerem Schnabel?

Auch die Mama (ohne Rot am Hinterkopf) hat irgendwie nichts dabei. Was ist denn hier bitte los?

Jetzt aber:

Aha, na bitte, geht doch!

Wie denn, war das etwa schon alles?

Ich schätze, die kleinen Buntspechte (wobei ich immer nur ein Köpfchen sehen konnte) werden nur noch wenige Tage in ihrer Kinderstube verbringen, bevor sie ausfliegen. Dann fängt der Ernst des Lebens (mit all seinen Herausforderungen und Gefahren) so richtig an, und man wird auch nicht so mehr so laut sein dürfen.

Das kann für uns Naturbegeisterte nur heißen: Jetzt besonders aufmerksam durch die Wälder streifen, und Augen und Ohren weit öffnen!

27. Mai 2022
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)

sogesehen – Monatsfoto Mai

Erwachen

Frühling – eine für mich lang ersehnte Jahreszeit nach den grauen und tristen Wintermonaten.

Ein ganz besonderes Highlight im Frühling spielt dabei jedes Jahr die Kirschblüte im Eggenertal. In meinem Artikel „Weiße Blütenpracht im Eggenertal“ hatte ich euch bereits im vergangenen Jahr in diese tolle Blütenwelt eintauchen lassen. Auch dieses Jahr bin ich wieder losgezogen, um die Blütenpracht genießen zu können. Am Ostermontag ging es für mich vom Parkplatz „St. Johannisbreite“ den Panoramaweg entlang an Wald und Wiese zunächst abwärts nach Niedereggenen.

Dort führt der Weg über den Scheibenfeuerplatz, vorbei an den Trockenmauern dann zum Steinenkreuzle (Gemarkung Obereggenen). Auf dem Steinenkreuzle findet man ein paar Sitzbänke vor, welche zum Verweilen und Genießen einladen. Von dort aus geht es direkt nach Obereggenen weiter. Linkerhand ragt unser Hausberg, Hochblauen, empor und rechterhand blüht Kirschbaum für Kirschbaum um die Wette. Das Steinenkreuzle entfernt sich immer mehr, ehe man es nach dem Ortsausgang von Obereggenen Richtung Parkplatz St. Johannisbreite wieder in weiter Ferne sehen kann. Meter für Meter lohnt sich auch hier immer wieder der Blick zurück. Auf der ganzen Wegstrecke entlang hat man stets einen wunderbaren Panoramablick. Nach rund 10 Kilometern komme ich dann wieder am Auto an. Ein wenig wehmütig war ich jedoch, da dieser Tag wieder einmal viel zu schnell vorbei ging. Schade, dass man die Zeit nicht anhalten kann … an diesem Tag hätte ich es definitiv genutzt!

Auch wenn die Kirschblüte vermutlich zwischenzeitlich ihre schönste Blütenzeit hinter sich hat, so lohnt sich eine Wanderung zu jeder Jahreszeit im schönen Eggenertal! Beim Parkplatz St. Johannisbreite gibt es auch Wanderschilder mit weiteren Tourenvorschlägen. Ihr wollt meine Tour selbst einmal entdecken? Gerne darf ich euch hier zu meinem Komootprofil weiterleiten. Viel Spaß im Eggenertal 🙂

Kultur / Landschaft

Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich phasenweise viel Zeit draußen verbringe. Ich laufe oder fahre durch Wiesen, Wälder, Dörfer und manchmal auch Städte oder Gewerbegebiete, immer auf der Suche nach bestimmten Tieren, die ich nachweisen und dokumentieren soll. Nicht immer gibt es viel zu tun, wenn ich so im Lande umherstreife, und so schaue ich mir bisweilen auch einfach so die Landschaft an und komme ins Sinnieren.

Im Moment bin viel in der Feldflur meines schönen Bundeslandes namens Baden-Württemberg unterwegs. Alles sehr schön aufgeräumt da!

Vorurteile kommen unweigerlich hoch über die „ausgeräumte Landschaft“, über Naturferne, über das schädliche Wirken des Menschen, der mal wieder den Bogen überspannt und einfach alles kaputt macht. Doch so einfach ist es nicht.

Die meisten Menschen benutzen im Alltag Begriffe wie „Natur“, „Kultur“, „Umwelt“, „Landschaft“ etc. häufig und ohne größeres Nachdenken. Warum auch, schließlich sind diese Wörter ja vermeintlich eindeutig und selbsterklärend. Dann kommen dazu in der Regel noch Bewertungen ins Spiel, so etwa in dem Sinne: Die Natur ist gut, der Mensch ist böse. Oder Gegensatzpaare werden aufgemacht, wie z.B. die Opposition Natur / Kultur. Auch die Fotografie bevorzugt in ihrem Mainstream eindeutig Ansichten der „Natur“, die irgendwie ursprünglich, rein, erhaben und schön sein sollen, und die die Anwesenheit und das Wirken des Menschen oftmals ganz kunstvoll ausblenden.

Ganz klar: Zu dieser Thematik gibt es ganze Bibliotheken voller Fachbücher und Abhandlungen. Dazu einen neuen, originellen Beitrag zu leisten, maße ich mir gar nicht an. Aber wie gesagt: wenn ich so durch die (vermeintlich) leere Feldflur laufe, entwickeln sich bestimmte Gedanken ganz von alleine. Und den einer oder anderen davon möchte ich an dieser Stelle mit den geneigten Blog-Leser/innen teilen.

Mal ganz grundsätzlich: Wenn die Menschen in Europa nicht vor ein paar (wenigen) Jahrtausenden damit begonnen hätten, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, wäre heute der allergrößte Teil der Landschaft hierzulande reiner Wald. Das allermeiste von dem, was wir heute als „Offenland“ sehen, kennen, erleben und schätzen, ist menschengemacht – also Kulturlandschaft. Das schließt alle Wiesen ein, alle Weiden und natürlich erst recht Ackerland. Von dieser gewaltigen Umgestaltung der Landschaft haben in der Vergangenheit viele Tier- und Pflanzenarten enorm profitiert. Das gilt insbesondere für diejenigen unter ihnen, die sich in den von Natur aus waldfreien Lebensräumen wohlfühlen, z.B. Steppenlandschaften des Osten und Südens. Und auch ich mag sie, diese offene Landschaft!

Und damit komme ich zu meinem „special guest“ dieses Artikels, zur Feldlerche. Die ist allgemein bekannt, oder? Für mich der Inbegriff eines Frühlingstages in einer Ackerlandschaft. Wer mal ein paar Kostproben ihres wunderbaren Gesangs anhören will, kann dies hier tun. Gerade gestern und heute habe ich sie gezielt suchen dürfen (zum Glück mit Erfolg!), und in meinen Ohren klingt ihr außerordentliches Trillern und Pfeifen noch jetzt auf das Schönste nach.

In ganz Deutschland ist die Feldlerche insgesamt noch ein häufiger Vogel, doch nimmt ihr Bestand seit Jahrzehnten drastisch ab. Aus diesem Grund ist sie auf der Roten Liste mittlerweile als „gefährdet“ eingestuft. Und ihr Niedergang ist stellvertretend für den einer ganzen Lebensgemeinschaft des Offenlandes. Um nur mal ein paar Vogelarten zu nennen: Grauammer, Schafstelze, Wiesenpieper, Rebhuhn, Wachtel, Kiebitz, Großer Brachvogel, Wiesenweihe… Diese sind vielerorts völlig verschwunden, und die letzten Restvorkommen (z.B. in Baden-Württemberg) werden mit großem Aufwand geschützt und vor dem endgültigen Verschwinden bewahrt.

Was vielen vermutlich nicht klar ist: Die Feldlerche und ihre genannten Kolleg/innen werden sich niemals in einem Wald ansiedeln, und auch nicht in einer Streuobstwiese oder einem Stadtpark. Sie brauchen in jedem Fall die offene Landschaft, die ganz wesentlich durch das Wirken des Menschen entstanden ist. Auf Weiden, Wiesen und insbesondere Äckern fühlt sie sich ganz besonders wohl – also durchaus in der „ausgeräumten“ Feldflur. Und darum finde ich diese Landschaft auch schön, vermutlich gerade weil sie eine Verbindung aus Natur und Kultur darstellt.

Wenn da nur nicht die fortwährende Intensivierung der Landwirtschaft wäre, die „Bereinigung“ der Flur, die Vergrößerung der Schläge, der starke Einsatz von Düngemitteln und Insektiziden, die Veränderungen im Getreideanbau, die zunehmende Versiegelung der Flächen, die Störung durch Menschen und ihre Vierbeiner… Diese Entwicklung wird den Bewohnern der Feldflur auf längere Sicht den Garaus machen, leider. Letzten Endes machen wir die Natur kaputt, und unsere (ursprüngliche) Kultur gleich mit.

Aber eigentlich wollte ich mit diesem Artikel ja eine Lanze brechen für den ästhetischen Reiz und auch den ökologischen Wert von offenem Ackerland und Grünland, auch wenn diese „Kulturlandschaft“ auf den ersten Blick so „naturfern“ zu sein scheint. Und jetzt wäre fast mal wieder eine miesepetrige Zivilisationskritik dabei herausgekommen… Aber gerade noch rechtzeitig bemerkt und die Kurve bekommen!

Horst würde an dieser Stelle vermutlich schreiben: „bleibt neugierig!“. Ich möchte es etwas anders formulieren und einfach zu einem baldigen Feldspaziergang mit offenen Augen und Ohren animieren. Viel Freude dabei, und hoffentlich gibt es eine Feldlerche zu bestaunen!

21. April 2022
Sebastian Schröder-Esch
(www.schroeder-esch.de)