Ostsee, die dritte (Jasmund)

Warnung: Der folgende Artikel enthält ziemlich viele Fotos von Wasser, Felsen / Steinen und Bäumen. Wer auch nur eines dieser Motive öde findet, möge unverzüglich auf den Zurück-Button klicken… Alle anderen sind herzlich eingeladen, mit mir einen kleinen visuellen Ausflug auf den Jasmund zu unternehmen!

Die Halbinsel Jasmund – wie auch der gleichnamige Nationalpark – ist Teil der wunderschönen Ostseeinsel Rügen ganz im Nordosten dieses unseres Landes. Der geneigte Leser (und die Leserin ebenfalls) wird sich jetzt am Kopf kratzen und fragen: Moment mal – Ostsee? War da nicht schon mal was?

Aber ja doch! Meine Begeisterung für jene Ecke Deutschlands ist so groß, dass dies hier nun schon mein dritter Artikel dazu ist – und damit habe ich noch immer nicht mein ganzes Pulver verschossen! (Wen es interessiert: hier sind die bisherigen Artikel Nummer eins und zwei zu finden.)

Es begab sich aber zu jener Zeit im Herbst 2019, dass ich von meinen Foto-Freunden aus Husum eingeladen wurde, zusammen mit ihnen ein langes Wochenende an der Ostsee zu verbringen. Die haben das schon öfter gemacht, und es wird und wird ihnen einfach nicht langweilig. Hier sieht man den hochkonzentrierten Steffen bei der Arbeit:

Vom Gespensterwald bei Nienhagen (westlich von Rostock, also nicht auf Rügen) habe ich ja schon geschwärmt. Und was kann ich jetzt sagen? Der Jasmund ist anders, aber auch sagenhaft schön und absolut vielfältig. Auch ganz ohne Fotoapparat könnte man dort eine tolle Zeit verbringen.

Aber warum sollte man…?

Sehr gut hat mir gefallen, dass es verschiedenste Landschaften auf ganz kleinem Raum gibt, und alle haben ihren ganz eigenen fotografischen Reiz. Ob man die Steilküste mit den berühmten (und nicht ungefährlichen!) Kreidefelsen mag, oder den Kiesstrand zur schaumigen Ostsee hin, oder natürlich die schier endlosen Buchenwälder auf der Hochfläche – hier ist für jede und jeden etwas dabei! Zumal man natürlich auch zu verschiedenen Tageszeiten ganz unterschiedliche Stimmungen erleben kann.

Am Tag unserer Anreise sind Steffen und ich ein erstes Mal runter an den Strand und haben das silbrige Licht in Szene zu setzen versucht. Davon stammen die ersten vier Aufnahmen hier.

Tags drauf sind wir dann in aller Herrgottsfrühe zu viert (Michael und Peter waren inzwischen zu uns gestoßen) aufgebrochen, um durch die Wälder zu stiefeln und den Morgen am Kieler Ufer (benannt nach dem gleichnamigen Bächlein) zu erleben. So ungewöhnlich war der Anblick von vier „schweren Jungs“ mit großen Rucksäcken und Stativen, dass wir noch am Wanderparkplatz im Wald von einer Polizeistreife angehalten und kontrolliert wurden. Das hätte uns fast um den Sonnenaufgang gebracht! Die haben Nerven…

Aber es ist noch mal alles gutgegangen.

Wie gesagt, die Küste und der Strand und das wunderbare Meer, das ist nur die eine Seite des Jasmunds. Eine Etage höher sieht die Welt ganz anders aus. Und obwohl ein Herbststurm kurz vor unserem Besuch einen beträchtlichen Teil des schönen Laubs von den Bäumen gefegt hatte, konnte man (lies: ich) sich einfach nicht sattsehen an den Buchen.

Und von wegen, man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht!

Um mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, ich würde nur Pflanzen und Steine und Wasser aufnehmen, kommt jetzt ein Tier. Und ein hübsches noch dazu.

Der Herbst hat doch immer seinen Reiz.

Irgendwann zollt man aber den Tribut fürs frühe Aufstehen und die Polizeikontrolle. Dann wird ausgeruht, getrunken, gegessen und geschnackt.

Man beachte die gefährliche Neigung der Buchen am linken Rand. Hin und wieder bricht eben doch mal ein Stück ab. Dann möchte man nicht zu nah an der Kante gestanden haben. Steffen wurde auch nicht müde, uns immer und immer wieder zu ermahnen, dass wir genügend Abstand halten sollen. Erst recht im Bereich der berühmt-berüchtigten Wissower Klinken.

Aber selbst mit Sicherheitsabstand hat man noch das Gefühl, nah dran zu sein, ja mitten drin in dieser tollen Szenerie.

Einen Pfeil habe ich noch im Köcher: Einen Artikel wird es noch geben mit Fotos von der Ostsee, dann ist diese kleine „Tetralogie“ vollständig. Seid Ihr schon gespannt?

Malen mit Licht (Teil 1)

Lichtspuren in der Dunkelheit zu fotografieren, ähnelt Papiersterne schneiden zur Weihnachtszeit. Die Ausgangsbasis eher langweilig, das Resultat spektakulär. Dazwischen liegen unzählige Versuche und Misserfolge, um am Schluß überraschend tolle Ergebnisse zu bekommen. Ergebnisse, die man nur bedingt kontrollieren, geschweige denn wiederholen könnte.

Feuerwerksraketen, Autoscheinwerfer, Taschenlampen, Lichterketten… die Liste für den „Pinsel“ in der Lichtmalerei ist riesig.

Die Bilder für den ersten Teil der Serie „Malen mit Licht“ sind im badischen Schopfheim- Wiechs bei einem Scheibenfeuer entstanden; im alemannischen Raum auch Schiibefüür genannt. Dieses Feuer findet am Wochenende nach Fasnacht statt und soll den Winter und dessen böse Geister vertreiben.

Auch hier ist das Hilfsmittel eher unspektakulär.

Scheiben aus Buchenholz

Die Buchenscheiben werden an einem langen Stock befestigt, in die Glut gehalten und danach über einen „Holzstuhl“ geschlagen

Das Schlagen der Scheiben erfordert eine spezielle Technik und ist gar nicht so einfach. Groß und Klein stehen Schlange, um ihr Glück zu versuchen.

Geselligkeit bei Grillwurst und Bier. Vorne Hitze, hinten Kühle und über allem der Vollmond. Was will man mehr?

Die Stimmung ist fröhlich, der Geräuschpegel erstaunlich niedrig und die Atmosphäre einmalig.

Am Ende meines Fotoabends habe ich eine Fülle toller Langzeitbelichtungen. Wunderschöne Leuchtspuren von glühenden Scheiben, spektakuläre Funkenflüge und gespenstische Rauchschwaden am Nachthimmel.

Aber manchmal sind es gerade die ruhigen, auf den ersten Blick unspektakulären Fotos, die wie Gemälde wirken, Emotionen wecken und in Erinnerung bleiben.

Lust auf weitere kleine Geschichten zur Lichtmalerei? Dann viel Vergnügen bei und Malen mit Licht (Teil 2) und Malen mit Licht (Teil 3)

Die ersten Sonnenstrahlen

Jeder Tag ist einzigartig und einmalig. Kein Tag gleicht dem anderen. Seitdem ich mich mehr mit der Natur beschäftige und mit meiner Kamera viel unterwegs bin, nehme ich diese besonderen Momente des Tages noch mehr wahr und genieße hierbei jede Sekunde. Mir bereitet es die größte Freude an einem freien Tag früh aufzustehen – Kameraausrüstung, Kaffee und eine Kleinigkeit zum Frühstücken im Gepäck – um dann losziehen zu können und gespannt den Sonnenaufgang zu beobachten. Dies lässt sich natürlich am schönsten an einem ruhigen Ort genießen.

Ein ganz besonderer Start in den Tag ist hier beispielsweise die Teilnahme einer Sonnenaufgangswanderung auf den Hochblauen, ein 1164 Meter hoher Berg am Westrand des südlichen Schwarzwaldes. In einer schönen Sommernacht (gegen 3 Uhr) geht es von Badenweiler aus ca. 700 Höhenmeter hinauf durch den dunklen Wald, um auf dem Gipfel des Hochblauens mit einem unvergesslichen Sonnenaufgang belohnt zu werden. Mit jeder einzelnen Sekunde und jedem neuen Sonnenstrahl erwacht die Natur immer mehr um einen herum. Die Farben am Himmel gehen von einem dunklen Ton über in ein sanftes Rosa und schlussendlich in warme Farben aus Gelb/Orange. Im Zusammenhang mit dem saftigen Grün der Wiesen und Bäume darf man hier einen wunderschönen Augenblick genießen. Nach einer kleinen Stärkung und mit unvergesslichen Erinnerungen im Gepäck geht es dann wieder talabwärts. Ein ganz besonderer Start in den Tag ganz nach meinem Geschmack.

Platz nehmen und den Ausblick genießen
Auf der linken Seite ist der Aussichtsberg des Schwarzwaldes „Belchen“ (1.414 m) zu sehen

Minimal

Wie viel muss auf einem Foto sein?

Manchmal entsteht das Vergnügen beim Betrachten gerade durch die Reduktion. Und mitunter entsteht der Minimalismus auch durch Zufall. Ein Möwenschwanz erzählt dann eine Geschichte, die ein ganzer Möwenschwarm nicht erzählen könnte.

Alle Quadrate dieses Beitrags sind Scans vom Kontaktabzug analoger Mittelformataufnahmen.

Nimmt man die richtige Perspektive ein, braucht es auch keine Retusche. Allein die Kontraste werden verstärkt, und schon wird ein kleines grafisches Kunstwerk daraus.

Industriebrache

Tatsächlich steht diese Treppe frei in der Landschaft. Alle anderen Teile des Gebäudes wurden abgerissen. Und so entsteht mit ein paar Belichtungskniffen ein eindrückliches grafisches Muster.

Venedig. Arsenale

Doch nicht immer muss etwas frei stehen. Manchmal zeigt sich einfach im Sucher „less is more“. Die Reduktion führt das Auge sofort zum wesentlichen der Aufnahme.

Der Schnitt bekommt – neben den Kontrasten – in solchen Minimals eine überragende Bedeutung. Die Reduktion des S/W trägt das Übrige dazu bei.

Aber nicht vergessen: Minimals bedeuten mitunter maximalen Aufwand.

Nebelwelten

Nebel. Was für ein banales Wort für eine Naturerscheinung, die es in sich hat. Er regt die Fantasie der Menschen an. Sie sehen mystische Wesen in den Schleiern. Er wird als Tor in andere Welten gesehen und strahlt seine eigene Magie aus. Geschichten ranken sich über ihn und es existieren allerlei lyrische Ergüsse, die sich mit diesem Naturereignis beschäftigen. Es gibt sogar Menschen, die sich vor ihm fürchten, in Sorge welch geheimnisvolle Wesen sich darin verbergen mögen. Doch was ist mit uns Fotografen? Hat er für uns auch eine besondere Bedeutung? Nun, lasst mich euch meine Sichtweise zeigen und entscheidet selbst.

Für mich persönlich hat Nebel seine ganz eigene Faszination. Ja seinen ganz eigenen Zauber. Ich finde es manchmal atemberaubend,wie sich das Licht im Nebel verändert. Es wird diffus, die Schleier werden fast durchscheinend und das Leuchten wird beinahe überirdisch. Manchmal liegt er wolkengleich über den Tälern und lässt sich von der Sonne bescheinen. Wieder ein anderes Mal ist er wie eine fahle Decke, die die Landschaft einhüllt und sie mit einer geheimnisvollen Stille umgibt. Dieses Besondere, das Licht und die daraus entstehende Stimmung versuche ich dann mit meiner Kamera zu bannen.

Ein anderes Wetterphänomen ist die Inversion, einfach ausgedrückt heisst das, im Tal sind die Luftmassen kälter als auf den Höhen. Dadurch sammelt sich unten der Nebel und über ihm scheint die Sonne. Dann, wenn also im Schwarzwald mal wieder Inversionswetterlage herrscht, kann ich mich kaum beherrschen und in meinem Auslösefinger juckt es verdächtig. Ich fahre also auf die Schwarzwaldhochstrasse im nördlichen Schwarzwald und ziehe mit der Kamera los. Wenn man zum Beispiel auf dem Schliffkopf, oder auf der Hornisgrinde, seinen Blick in Richtung Frankreich zu den Vogesen schweifen lässt, zeigt sich einem oft ein überwältigendes Bild. Das Rheintal liegt mit Nebel bedeckt vor einem und die Hügel des Schwarzwaldes schauen aus dem Dunst. Mal ganz wenig, nur die Gipfel, mal etwas mehr, dem Nebel eine Form gebend. Am Horizont zeigen sich die Vogesen und runden das Bild ab. Wenn nun die untergehende Sonne ihr Licht auf das Nebelmeer wirft, ist dieser Anblick einzigartig. Ich liebe es.

Hier in meiner Heimat Süddeutschland gibt es noch viele andere schöne und landschaftlich äußerst reizvolle Gegenden, die es zu besuchen lohnt. Auch dort hat man gute Chancen, den mystischen Nebel auf Foto zu verewigen. Eine dieser Gegenden ist die Schwäbische Alb. Hier war ich letztes Jahr am Eichfelsen. Dieser liegt oberhalb des Oberen Donautals und bietet bei fast jedem Wetter eine wahnsinns Aussicht. Ich war dort eine gute Stunde vor Sonnenaufgang und konnte schon mal die Stimmung genießen. Der Tag begann zu dämmern und im Tal bildeten sich einzelne Nebelschwaden. Das sah so schon mal nicht schlecht aus, doch was sich mir später bot war fantastisch. Kurz vor Sonnenaufgang bildete sich im Tal ein Nebelfluss. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und war dementsprechend von den Socken. Mir fiel sofort der mystische Fluss Styx ein, der in der griechischen Mythologie seine Wurzeln hat, so, genau so stellte ich ihn mir vor. Jetzt fehlte nur noch Charon der Fährmann mit seiner Barke. Also das war genau mein Ding.

Ich schätze mich glücklich hier leben zu dürfen, um solch schöne Landschaften bestaunen zu können. Ob in Süddeutschland oder im Norden. Wenn man die Augen offen hält, findet man immer und überall etwas, wo es sich lohnt die Kamera auszupacken. Burgen, weite Täler, verwunschene Seen und Tümpel, tiefe Wälder und die Höhenzüge der Mittelgebirge. Wenn dann noch die Nebelschwaden über das Land ziehen und die Gegend in mystisches Licht tauchen, ist das für mich ein Highlight im Spiel der Natur. Dann juckt mich der Auslösefinger und meine Fantasie geht auf Reisen zu fernen magischen Orten, an denen die Grenzen zwischen den Welten verschwimmen.

In diesem Sinne, taucht ein in die Nebel und habt ne gute Zeit. Bleibt neugierig!

Tango, getanzte Leidenschaft

Gleich vorneweg: Ich tanze keinen Tango, ich höre keine Tangomusik und ich habe überhaupt keinen Bezug zum Tango…. aber ich bekam die Gelegenheit, Tangotänzer zu fotografieren.

Eine lokale Tangoschule wollte für ihre Öffentlichkeitsarbeit Fotos ihrer Tanzstunden, und was liegt näher als beim lokalen Fotoclub nachzufragen. Schnell waren ein paar Freiwillige gefunden, denn so eine Gelegenheit bietet sich nicht alle Tage. Ohne Vorgaben konnte jeder nach seinem Gusto fotografieren.

Tango! Mit dem Wort verbindet sogar der eher unterkühlte Mitteleuropäer Emotionen, Melancholie, Tanz und Musik. Feurige Argentinier tanzen mit dunkelhaarigen Schönheiten in verrauchten Bars.

Die verrauchte argentinische Bar war ein gemütlich eingerichteter Unterrichtsraum und der elegante Tangotänzer trug Jeans und Turnschuhe. Ein riesiger Spiegel sorgte dafür, dass wir Fotografen uns treffsicher in fast jedem Bild verewigten, und der leidenschaftliche Gesichtsausdruck der Tänzer war manchmal eher ein angestrengt konzentrierter.

Es waren sehr oft mehrere Paare gleichzeitig auf dem Bild, das Licht war eher unvorteilhaft und die kurze Belichtungszeit fror jede Bewegung ein. Auf den Fotos wirkte alles sehr statisch, keine Spur von Tango.

Um Missverständnissen vorzubeugen: dies lag in keiner Weise an den Tanzenden. Kein Murren, wenn wir den Weg versperrten oder ihnen mit der Kamera eine Spur zu nahe kamen.

Es lag an mir! Ich wollte nicht dokumentieren, ich wollte den Tanz sichtbar machen. Die Bewegung und die Stimmung aus einer längst vergangenen Zeit darstellen.

Finde den Fotografen

Die Bilder entsprechen sicher nicht dem klassischen Ansatz dokumentarischer Fotografie, aber dies war auch nicht mein Anspruch. Ich hatte einfach einen großen Spaß mit Langzeit- und Doppelbelichtungen zu spielen.

Vielen Dank dem Verein Tangoschopfheim und den Fotofreunden Schopfheim.

Momentum

Alles wahre Leben ist Begegnung. Dieser berühmte Satz von Martin Buber lässt sich für die Streetphotography abwandeln: Jedes wahre Straßenfoto erzählt etwas von einer Begegnung… und lädt die Betrachtenden wiederum zu einer Begegnung ein.

Straßenszene in Ostjerusalem

Jeder Moment ist einmalig. Mensch, Licht, Konstellation vereinen sich und werden im Auge des Fotografen zum Momentum.

Welche Geschichte wird hier erzählt?

Die Betrachtenden ergänzen im besten Fall die Geschichten im Kopf: Was passiert hier? Wer ist das? Was fühlen die Menschen auf dem Bild? Was geschieht außerhalb des Gesichtsfeldes? Aus der Tiefe wirkt dazu die Ästhetik der Aufnahme. Sie hält die Betrachtenden fest. Bei einem guten Foto länger als der eigentliche Moment der Aufnahme.

Ist das nicht aus einem Nouvelle Vague Film?

In B/W wird die Konzentration auf das Wesentliche noch verstärkt. Mensch, Formen, Kontraste. Die Reduktion führt das Auge tiefer ins Bild hinein…

Die Reduktion von S/W-Fotografie fällt noch mehr ins Auge, wenn nur wenig Licht zur Verfügung steht oder das Gegenlicht leuchtende Rahmen in die Dunkelheit zaubert.

Das Licht modelliert durch die Kamera aus der Dunkelheit kleine Kunstwerke des Alltäglichen und erhöht sie so zum Besonderen.

Jahrmarkt.stille

Jahrmarkt, Rummel, Volksfest – bei diesem Gedanken fängt es an zu klingeln, zu blinken und zu lärmen. Diese Ereignisse stehen für Trubel und sich in einander verwebende Geräusche, eine Kakophonie aus verschiedenen Musiken, Rufen und Lachen und die Klänge der Fahrgeschäfte. „Wer will noch mal, wer hat noch nicht…!“

Wie ist es eigentlich auf Rummelplätzen, wenn sie geschlossen haben, wenn sie Pause machen, sozusagen überwintern? Es sind wunderbar eigenartige Orte. Ganz still und in ihrer Farbenpracht von mitunter widersprüchlicher Schönheit.

Sie sind Zwischenräume, in Erwartung und zugleich Erinnerungsorte. Der Kopf ergänzt die Geräusche…

Diese vollkommene, menschenleere Ruhe steht dem eigentlichen Zweck des Ortes so diametral gegenüber, dass man förmlich darüber stolpert.

Nach und nach entdeckt man die Ästhetik in dieser Welt der starken Farben und der schweigenden schreienden Einladung in ein Vergnügen, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint.

Eigenartig, dass sich bei den Angeboten, den Buden und Fahrgeschäften im Laufe der Zeit so wenig verändert hat. Vielleicht ist das ja auch ein Teil des Geheimnisses, warum das noch immer funktioniert: da ist eine gehörige Portion Nostalgie im Preis inbegriffen.

Rummelplätze erzählen Geschichten, immer wieder ähnliche, immer ein bisschen derb, mit einem Hauch des „billigen Vergnügens“, ein wenig versoffen und so herrlich zeitlos.

Ohne den Betrieb und die Menschen treten Farben und Formen noch einmal neu in den Mittelpunkt. Eine eigenartige Ästhetik tritt zutage…

Willkommen auf dem Rummelplatz. Genießen Sie die Stille!

sogesehen-Monatsfoto Februar

Ich für meinen Teil stelle immer mehr fest, dass ich einen reduzierten Stil in der Fotografie mag. Es muss nicht alles gegenständlich oder auch nur scharf sein, Linien oder andere Elemente im Bildausschnitt dürfen gerne mal nur angedeutet sein – weniger ist aus meiner Sicht oftmals mehr. Und bekommen vermeintlich „leere Flecken“ manchmal nicht vielleicht gerade dadurch eine Bedeutung, dass sie nichts zeigen und somit dem Betrachter Rätsel aufgeben?

Das hier gezeigte Foto von der Brücke über die Narew in Polen ist für mich so ein Fall, aufgenommen 2017 bei Strękowa Góra im wunderschönen Nordosten des Landes. Mir war frühmorgens der Job zugeteilt worden, Milch, Eier und Brot fürs Frühstück beim kleinen Lebensmittelladen im Nachbarort zu holen. Ich war zeitig hingefahren, nur um festzustellen, dass das Geschäft erst später öffnete und ich noch etwas warten musste. Was tun? Naja, ein bisschen rumspaziert, Vögel beobachtet, auf die träge dahinfließende Narew geschaut. Was man halt so macht, wenn man Zeit zu überbrücken hat. Einen Fotoapparat hatte ich nicht dabei, sondern nur mein einfaches Handy. Die Brücke war kaum befahren an dem Morgen, dort ist auch wirklich tiefste podlassische Provinz.

Ich schaue also ein bisschen in der spätwinterlichen Gegend herum und werde dabei zunehmend melancholisch. Irgendwie überträgt sich die leicht trostlose Stimmung dieses Ortes auf mich, was mich aber auch nicht weiter stört. Ist halt einfach so. Dann zieht auch noch diese Nebelbank über dem Fluss auf. Alles wird plötzlich so milchig und ohne Konturen, man sieht nicht mal mehr das andere Narew-Ufer. Aber zugleich ist irgendwie doch alles stimmig. Eine Brücke, die ins Nichts führt, ist natürlich ein Unsinn, aber sie lässt einen auch über vieles sinnieren. Also am Ende doch kein Nichts?

Mir kommt sogar der Gedanke, dass diese Szenerie ein Sinnbild für die politische und gesellschaftliche Situation in Polen ist. Es gibt eine Bewegung in einer bestimmten Richtung, den Versuch eines Umbruchs, irgendetwas soll überwunden werden. Doch das Ziel ist vollkommen vernebelt, und niemand weiß, was einen dort erwartet.

Irgendwann sehe ich aus dem Augenwinkel, dass es rund um das Lebensmittelgeschäft geschäftig wird. Einige Männer, die geduldig vor verschlossener Türe gewartet hatten, gehen jetzt hinein und besorgen sich ein paar Biere für den Start in den Tag. Ich lasse ihnen den Vortritt und arbeite dann selber meinen Einkaufszettel ab. Das Frühstück später wird wunderbar schmecken.


In der Rubrik „Monatsfoto“ stellt reihum jede/r von uns ein besonderes Bild vor und erzählt die dazugehörige Geschichte. Für den jeweiligen Monat dient es als Titelmotiv auf der Startseite. Eine Übersicht über sämtliche bisherigen Monatsfotos ist hier zu finden.

Schottische Weit.sichten

Manchmal reicht ein einfaches Foto nicht für eine Landschaft. Erst ein Panorama bringt sie auf den Punkt. Das Auge umarmt die Landschaft im Panorama gleichermaßen. Auf dem Weg nach Schottland öffnete sich am Abend vor uns diese wunderbare stimmungsvolle Landschaft im Lake District.

Schottland ist reich an solchen Orten, wo das Auge am liebsten gleichzeitig in alle Richtungen blicken würde. Talisker Bay assoziieren die meisten Whisky-Freunde sicher mit der gleichnamigen Distillery einige Kilometer entfernt. Die Bay wird aber von viel weniger Menschen besucht, obwohl sie landschaftlich wunderschön ist.

Zu den vielen landschaftlichen Höhepunkten auf der Isle of Skye gehört unzweifelhaft Neist Point Lighthouse. Von hier fällt der Blick auf die Inseln der Äußeren Hebriden.

Die Landschaft zeigt sich als Komposition. Tucholsky würde sagen: „Es ist wie erstarrte Musik in diesen Höhenzügen.“ Das Spiel der Formen auf der Isle of Skye, die unendlich vielen Grüntöne, die stete Präsenz des Meeres bestimmen die Blicke in immer neuen Variationen.

Gleichzeitig wird im Bild die Landschaft zur Miniatur. Die Weite wird überschaubar. So einen weiten Blick lassen unsere Augen in der Natur nicht zu. Das Panorama setzt alles ins Verhältnis. Der Blick fällt hier von Rhuba Hunnish auf den nördlichsten Zipfel der Isle of Skye. Kaum ein Tourist verläuft sich hier her.

Im Panorama öffnen sich weite Räume, Stimmungen und Perspektiven. Das Gefühl wächst mit der Weit.sicht mit. In den Highlands wechselt das Wetter und die Stimmungen manchmal innerhalb von wenigen Stunden. Der immer wieder aufziehende, tiefhängende Nebel gibt der Landschaft etwas mystisches. Aber genau das erwartet man ja von Schottland…